Wo kommen wir da hin?

geschrieben 2006 für „Wissen Sollen Können Müssen“, ein Heft der Reihe „Fragend voran“

Wo kommen wir da hin?
Essay zum Thema Erziehung von Jobst Quis

Diese Frage haben wir in unserer Kindheit (Ende 50er/Anfang 60er) oft von der Erwachsenenwelt zu hören bekommen, wenn wir etwas anders wollten, als die Ordnung oder die Gewohnheit vorschrieb. Daran war etwas Verwirrendes. Nicht an der Frage selbst, sondern am Widerspruch zwischen der Frage und der Art und Weise, wie sie gestellt wurde. Der drohende Tonfall war fast derselbe wie bei der Feststellung „Kommt garnicht in Frage“ und machte deutlich, daß eine Antwort auf diese Frage keineswegs gewünscht war. Es war nicht wie sonst eine Frage zur Fortführung der Kommunikation, sondern eine zu ihrer Beendigung.

Somit blieben zwei große Fragen offen, zum einen „Wo kommen wir da hin?“ selbst, zum anderen „Wieso haben sie solche Angst ?“. Solche Angst, daß sie schon die Diskussion fürchteten. Und zwar gerade vor dem, was uns besonders verlockend erschien. Wir waren uns ziemlich sicher, das wir zum Paradies oder so was ähnlichem kommen würden, wenn wir nur lang genug in die Richtung gingen, von der man uns fernzuhalten versuchte. Etwas besseres als die langweilige Erwachsenenwelt konnten wir allemal finden.

Die Frage „Wo kommen wir da hin?“ bedeutete für uns also die Hoffnung, daß alles auch ganz anders sein könnte. Sie war mir zwar nicht immer gegenwärtig, dennoch könnte sie so etwas wie eine Leitfrage für mein bisheriges Leben gewesen sein. Reichtum, Erfolg, Ruhm, Ehre usw konnten mich nie reizen. Ein unermüdlicher Antrieb dagegen war für mich zu erkunden und zu zeigen, was alles doch möglich ist von dem, was von den meisten für „schön wär’s aber unmöglich“ gehalten wird. Zum Beispiel eine Lebensweise ohne Zwang, ohne Über- und Unterordnung, mit Anerkennung und Respekt für alle, nicht nur für die besten.

Wir, nicht nur ich und meine Geschwister, sondern auch die meisten Kinder die wir kannten, lebten damals in zwei Welten. Die meiste Zeit des Tages waren wir unter uns in der Kinderwelt, abends, morgens und zum Mittagessen waren wir jedoch gezwungen, mit den Großen zusammen zu leben. Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern war zugleich geprägt von Strenge und Freiheit. Die Strenge war bürgerliche Tradition und ideologisch begründet. Die Freiheit dagegen gab es fast unbeabsichtigt aus praktischen Gründen. Es war Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, „Ärmel hochkrempeln, zupacken, aufbauen“ und wir wurden zum Spielen rausgeschickt, um nicht bei der Arbeit zu stören.

Unsere Kinderwelt war draußen, bevorzugt solche Plätze, wo nur selten Erwachsene hinkamen. Verwilderte Parks und Gärten, Ruinen, Sandkuhlen, Müllkippen, Bäche und Teiche waren unser Revier. Kinderwelt hieß aber auch Gleichberechtigung, gegenseitige Hilfe, Freundschaft, Anerkennung und die Möglichkeit, jemandem anzuvertrauen, was man dachte und fühlte(1). Bei Erwachsenen waren da die Folgen schwer abzusehen, am sichersten war es immer, ihnen so wenig wie möglich zu erzählen. Ihr Wohlwollen haben wir zwar nur selten angezweifelt, aber sie hatten manchmal recht merkwürdige Vorstellungen davon, was gut für uns sei.

Die Erziehung konzentrierte sich auf die Zeitpunkte, wenn wir abends und mittags nachhause mussten. Dann gab es oft ein Donnerwetter. Weil wir zu spät kamen, weil unsere Klamotten dreckig, nass oder sogar zerrissen waren und ähnlichen aus unserer Sicht fast unvermeidlichen Gründen. Doch irgendwann war jedes Donnerwetter überstanden und dann konnten wir es auch wieder eine Weile mit den Erwachsenen aushalten.

Unsere Eltern waren zwar die Erwachsenen, mit denen wir es meistens zu tun hatten, aber es war uns schon bewußt, daß unsere Probleme mit ihnen nichts Persönliches waren, da die anderen Großen genauso waren oder noch schlimmer. Die Erwachsenen und ihre Welt, das war es, was unser Glück einschränkte, das war unser großes Problem und Rätsel. Die beste Erklärung war, daß das Erwachsensein so eine Art Krankheit ist, für die Menschen mit zunehmendem Alter anfällig werden.


Wo sind wir hingekommen ?

Mittlerweile sind mehrere Jahrzehnte vorübergezogen, doch das Thema beschäftigt mich immer noch. All meine gesellschaftspolitischen Aktivitäten und Erkenntnisse bauen auf diesen Grunderfahrungen auf. Mit hunderten gelesenen Büchern und tausenden Grübeleien aus einer Vielzahl von Blickwinkeln änderten und vermehrten sich die Worte und Begriffe, um es zu betrachten und zu beschreiben, doch der Wesenskern blieb derselbe.

Was ich früher als Erwachsenenwelt wahrnahm, nenne ich jetzt Bürgertum und erkläre es als selbsterhaltendes kulturelles System oder auch als kollektive schlechte Angewohnheit. Es baut auf einem anderem System auf, dem Patriarchat, das man auch Kriegs- oder Konkurrenzkultur nennen könnte. Das Bürgertum bildet wiederum die Grundlage für den Kapitalismus, aber ebenso auch für die bisherigen kommunistischen Gesellschaften.

Auf der Beziehungsebene besteht es aus funktionalen Subjekt-Objekt-Beziehungen. Selbst in den intimsten Familienbeziehungen ist wenig Platz für Persönliches. Es sind gesellschaftliche Rollenvorstellungen, die bestimmen was mensch mit (seiner/ ihrem !) Frau / Mann / Kind zu tun hat, um einE guteR Ehemann / Ehefrau / Mutter / Vater zu sein oder wenigstens zu erscheinen. Diese Vorstellungen ändern sich zwar im Lauf der Zeit inhaltlich, doch der Anspruch, daß ihnen zu folgen ist, bleibt.

Schon die Eigendynamik der Wirtschaft, die für das Bürgertum von zentraler Bedeutung ist, machte es notwendig, daß es sich äußerlich-inhaltlich verändert und anpasst. Waren damals in Ost und West noch Helden der Arbeit gefragt, so braucht die Wirtschaft heute vor allem Hochleistungskonsumenten. Doch innerlich-strukturell ist das ganze Bürgertum gleichgeblieben, trotz all unserer Bestrebungen nach radikaler gesellschaftlicher Veränderung. „Wo kommen wir da hin?“ kann man auch heute noch überall hören, und zwar im selben alten Tonfall von „Kommt garnicht in Frage“.

Für die, die sich diese Frage ernsthaft stellen, ist es allerdings leichter geworden, darauf Antworten zu finden. Das Bürgertum hat zwar noch die Dominanz, aber kein Monopol mehr auf Lebensweisen. Es gibt mittlerweile eine Fülle von Subkulturen und individuellen Lebensweisen, die zumindest in einzelnen Aspekten stark von der bürgerlichen Normalkultur abweichen. Auch sie sind stabil (die meisten wollen weiter so leben) und es gibt jahre- bis jahrzehntelange Erfahrungen damit. Dazu kommt das ethnologische Wissen über Kulturen von Ureinwohnern und das psychologische Wissen über die Wirkungen kultureller Strukturen auf die Entwicklung einzelner Menschen.

Das Wissen über und die Erfahrungen mit Kulturen wären also da, um das beste daraus zu machen. Nicht mehr Sklaven der Herkunftskultur zu sein und sie gehorsam und fraglos immer wieder zu reproduzieren, sondern sie aktiv zu verändern und neu zu gestalten. Wir könnten Kulturen zu entwickeln, in denen die Menschen glücklicher wären und dabei weit weniger Schäden an der Erde und ihrer Natur anrichten. Doch das Problem ist, daß die meisten nichts davon wissen wollen. Und damit wären wir wieder bei der zweiten offenen Frage, wieso wollen sie garkeine Antwort darauf, wo wir da hinkommen?

Wieso haben sie Angst ?

Eine Frage, die keine Antwort erwartet, nennt man eine rhetorische Frage. Kleine Kinder haben ihre Schwierigkeiten damit, genauso wie mit Ironie. Das liegt aber nicht wie oft behauptet, an mangelnden geistigen Fähigkeiten der Kinder, sondern daran, daß für Kinder noch nichts selbstverständlich ist. Sowohl Ironie als auch rhetorische Fragen bauen auf Selbstverständlichkeiten auf und bestärken diese, indem sie ihnen scheinbar widersprechen oder sie in Frage stellen. Damit soll sozusagen gezeigt werden, daß das Selbstverständliche sicher ist und mehr zählt als ihm entgegenstehende Worte.

Daraus lässt sich vermuten, daß der Spruch „Wo kommen wir dahin?“ mitsamt seinem Tonfall nicht aus der Eltern-Kind-Situation kommt, sondern aus dem Stammtischmilieu, wo erwachsene Bürger unter sich und sich einig sind. Einig darüber, daß es anders als gewohnt gar nicht gehen kann und daß schon die Möglichkeit einer anderen Lebensweise so schaurig ist, daß eine weitere Erörterung dieser Frage die Stimmung versauen würde.

Es scheint so, als ob sie rundherum Abgründe sehen und nur die gewohnte Ordnung als festen sicheren Platz empfinden. „Bürger“ kommt von „Burg“ und das Bild einer Burg verdeutlicht die bürgerliche Mentalität und Psychostruktur. Von einer Burg aus gesehen sind tatsächlich in allen Richtungen Abgründe, die Bewegungsmöglichkeiten sind klein. Allerdings sind die Abgründe auch künstlich geschaffene Mauern, die Burg und Bürger über die natürliche Ebene erheben. Nur eine Position hoch über allen Anderen verspricht ihnen Sicherheit durch Überlegenheit. Dieses Bestehen auf der Höhe macht sie jedoch auch zu Gefangenen des Systems, die Burg kann nicht verlassen werden, ohne herabzusteigen oder gar abzustürzen.

Um das Gefühl der allseitigen Bedrohung und das daraus folgende Streben nach Sicherheit zu verstehen, müssen wir nochmal eine Systemebene tiefer gehen zum Patriarchat. Es ist nicht nur ein System zur Unterdrückung der Frauen durch die Männer, sondern auch ein Kriegs- und Konkurrenzkultursystem. Das Leben wird strukturiert als überlebenswichtiger Wettkampf von jedem gegen jeden, es ist durchzogen von ständigen Vergleichen, wer besser, höher, weiter usw ist. Dies erfordert und fördert die Vereinzelung. Die matriarchale Sippe als typische Lebensgemeinschaft wurde ersetzt durch die kleinstmögliche reproduktionfähige Einheit, die Familie. Emotionale Nähe wurde beschränkt auf die Familie und selbst da verhindert die Geschlechterrollenverteilung die Begegnung auf gleicher Ebene.

Das Bürgertum können wir nun verstehen als Bewegung gegen Symptome des Patriarchats, ohne es selbst zu verstehen, in Frage zu stellen oder gar anzugreifen. Das Patriarchat erscheint dem Bürgertum als selbstverständliche Normalität, an der es nichts zu rütteln gibt. Der Bürger(2) will ändern, was ihn stört, und das ist eine Menge, aber er will immer so wenig wie möglich ändern. Vor allem will er nicht in die Tiefe gehen, er will lieber hoch hinaus. Im Entwerfen von hohen Idealen und Werten ist er gut, besonders um sie von anderen zu verlangen. Aber mit seinen Grundlagen, mit dem was unter ihm ist, will er sich nicht beschäftigen, das macht ihm Angst.

Daraus ergibt sich eine gewisse Absurdität seiner Tätigkeiten. Einen großen Teil seiner Aktivitäten können wir interpretieren als ständige Bemühung, auf friedliche Art und Weise Krieg zu führen. Der Bürger will meist keinen Krieg, hält ihn aber für kaum vermeidbar und rüstet sich deshalb dafür und bildet Armeen.

Er will Gemeinschaft, um sich stark und sicher zu fühlen und um irgendwo dazuzugehören. Doch er kann und will die Vereinzelung nicht aufheben, da er sich aufgrund der Konkurrenz für andere nicht öffnen kann. Im Kleinen ergibt sich daraus statt echter Freundschaft oberflächliche Geselligkeit. Im Großen ist das Ergebnis ein riesiges Kollektiv der Vereinzelten, die Nation und als zentrale Institution des Bürgertums der Staat.

Er stellt tausende von Regeln auf, um den Kampf von jedem gegen jeden im Rahmen zu halten. Doch wenn er nicht mehr konkurrieren dürfte, würde ihm etwas fehlen. Weil er weiterhin seinen Wert daran mißt, wie weit er anderen überlegen ist.

Sind Kinder systemgefährdend ?

Die zu bekämpfenden Folgen des Patriarchats werden vom Bürgertum zur menschlichen Natur erklärt. Damit wird zum einen das Patriarchat vor Kritik geschützt, zum andern wird die Distanzierung von der Natur begründet. Die Natur wird als unvollkommen und verbesserungsbedürftig gesehen, während seine Methoden zur „Verbesserung“ voller kulturellem Stolz gegen jede Kritik verteidigt werden. Der Kampf gegen das (vom Patriarchat ja auch reichlich produzierte) „Böse“ wird wird umgebogen zum Kampf gegen die Natur. Als kollektiver Kampf gegen die/den EinzelneN (Moral) und als individueller Kampf gegen sich selbst (Disziplin).

Der Mensch ist von Natur aus böse, wird gesagt, und braucht deshalb die (bürgerliche) Kultur um gut zu werden. Aus dieser Grundannahme folgt fast logisch, daß Kinder anfällig für das Böse sind. Daraus wird die Rechtfertigung des permanenten ungleichen Kampfes gegen die Kinder gebildet, der Erziehung genannt wird.

Mit Rechtfertigung ist zu erklären, warum BürgerInnen alle möglichen Unterdrückungsmassnahmen gegen Kinder für zulässig halten, sie erklärt jedoch nicht woher die emotionale Energie kommt, um sie entgegen allen Instinkten wirklich durchzuführen. Eine dieser Quellen ist wiederum die Angst.

Da ist zum einen die individuelle Angst, als Eltern den Erwartungen der Gesellschaft nicht zu genügen. „Eltern haften für ihre Kinder“ steht nicht nur auf Baustellen. Da Kinder nicht als eigene Subjekte anerkannt werden, fällt jedes Problem, das sie Anderen bereiten könnten, auf die Eltern zurück. Es ist nicht nur gesellschaftlich erlaubt, daß Eltern über ihre Kinder herrschen, es wird gefordert. Eltern müssen ihre Kinder „im Griff“ haben, wenn sie sich nicht der Schande der Unfähigkeit oder Unwilligkeit aussetzen wollen. Die individuelle Angst hätte also wenig Grund, wenn nicht hinter den gesellschaftlichen Erwartungen eine kollektive Angst der Bürger vor dem unerzogenen und unbeherrschten Kind stünde.

Wenn sich der Bürger im ständigen Kampf mit seiner Natur befindet und er es nur diesem Kampf zuschreibt, daß er seine Wut und seinen Hass nicht auf die Welt loslässt, löst schon die Existenz von Menschen, die diesen Kampf offensichtlich nicht führen, Ängste und Unbehagen aus. Daß seine Selbstunterdrückung auch die Ursache seiner Aggressionen sein könnte und daß andere gerade friedlich sind, weil sie diesen Kampf gegen sich selbst nicht führen, liegt außerhalb seiner Vorstellungsmöglichkeiten.

Gegenüber anderen Bürgern, also Menschen, die wie er sind und dieselbe Ordnung und Werte anerkennen, hat er nur den Grad an Mißtrauen, den er auch gegen sich selbst hegt. Nicht-Bürger dagegen sind für ihn völlig unberechenbar und deshalb äußerst bedrohlich. Das wird auch daran deutlich, daß das Wort „barbarisch“, mit dem Bürger Menschen nichtbürgerlicher Kulturen bezeichneten, zugleich als Synonym für grausam und unsensibel gilt. Und das, obwohl die größten und grausamsten Massaker der Geschichte eindeutig von bürgerlichen Gesellschaften ausgingen.

In vielen anderen Kulturen ist Erziehung unbekannt. Die Kinder dort beobachten, wie das Leben läuft und fügen sich ein in die Gesellschaft, die ihnen ja auch nicht feindlich gesonnen ist. Auch die patriarchale Schicht unserer Kultur überträgt sich auf neue Generationen vorwiegend durch Prägung. Die Kinder lernen nur diese Welt kennen mitsamt ihren Wettkämpfen und ihrer Vereinzelung und akzeptieren sie deshalb als normal, ohne daß erzieherische Maßnahmen notwendig wären. Doch kein Kind würde ohne Zwang von selbst zum Bürger und Selbstunterdrücker werden. Die bürgerliche Psychostruktur ist weder durch Nachahmung noch durch Einsicht zu übertragen, dazu braucht es tiefgreifende Manipulationen der Seele, eben Erziehung.

Ein noch nicht erzogenes Kind ist also ein Nichtbürger, es erscheint als ein unberechenbarer Barbar, eine Gefahr für Sicherheit und Ordnung und das ganze bürgerliche System. Kein Wunder also, daß die Erziehung und der rechtlose Sonderstatus der Kinder vom Bürger für unverzichtbar gehalten wird, daß ein großer Teil der Menschenrechte den Kindern vorenthalten wird, als wären sie keine Menschen.

Wenn Kinder als gleichberichtigte und gleichwürdige Subjekte anerkannt werden und weder Zwang noch Manipulation im Umgang zwischen Menschen jeden Alters als zulässig gelten, muß sich Kultur immer wieder neu begründen und rechtfertigen. Oder sich eben wandeln lassen. Die Macht der Gewohnheit, der Selbverständlichkeit und Normalität wird dann nicht mehr automatisch auf kommende Generationen übertragen. Sie muß sich dann von Menschen, für die nichts selbstverständlich ist, in Frage stellen und überprüfen lassen. In diesen Auseinandersetzungen können Ältere von Jüngeren genauso lernen wie in die andere „normale“ Richtung.

Je strenger eine Kultur ihre Kinder unterdrückt und manipuliert, je mehr das Lernen zwischen den Generationen eine Einbahnstraße ist, desto eher kann die Kultur bleiben wie sie ist. Aus der Sicht der Systemerhaltung mag das erstmal günstiger erscheinen, das ist es jedoch nur kurzfristig. Diese Art von Systemerhaltung ist starr, aber nicht unbedingt stabil. Langfristige Stabilität erfordert geradezu Wandel, nämlich Anpassung an sich verändernde Bedingungen. Die Überheblichkeit des Bürgertums gegenüber Kindern und anderen sogenannten „primitiven“ Kulturen, die Weigerung von ihnen zu lernen, könnte sich als verhängnisvoll erweisen.

Weiter so ?

Die Frage „Wo kommen wir da hin ?“ kann auch ganz anders als im obigen Sinne gestellt werden. Nämlich „Wo kommen wir da hin, wenn wir so weiter machen wie bisher ?“. Auch hierauf wollen die Bürger keine Antwort wissen, sie wollen sich nicht damit beschäftigen. Zukunft wird weiterhin als Gegenwart plus Fortschritt angenommen, und die Richtung des Fortschritts bleibt die Alte. Den Blick fest aufs Immermehr gerichtet und Gefahren nur von äußeren Feinden witternd, sind sie nahezu blind für die Folgen ihres eigenen kollektiven Handelns.

Wenn’s alle machen kanns ja nicht verkehrt sein, nur abweichendes Verhalten kann bestraft werden. Verantwortung ist ein von Bürgern gern benutztes Wort, vor allem um ungeliebte Maßnahmen zu rechtfertigen, auch in der Erziehung. Doch es ist immer nur eine Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Die Gesellschaft als Ganzes braucht sich nicht zu verantworten, weder gegenüber den Einzelnen noch gegenüber sonst jemandem. Der/die Einzelne muß funktionieren als Rädchen im Getriebe der Gesellschaftsmaschinerie. Daß diese Maschine als Ganzes dabei ist, mit vollem Einsatz und sich beschleunigendem Tempo gegen die Wand zu fahren, dafür ist niemand zuständig und deshalb will es auch niemand wahrnehmen.

Um sich für’s Ganze verantwortlich fühlen zu können, braucht es eine von der Gesellschaft unabhängige Instanz, die bereit ist, sich notfalls auch gegen die ganze Gesellschaft zu stellen, braucht es Eigensinn. Doch die Ausmerzung des Eigensinns und sein Ersatz durch Gehorsam und Konformität war schon immer ein zentrales Anliegen von Erziehung. Weitere menschliche Fähigkeiten, die dringend gebraucht werden um die bevorstehende Katastrophe zu begrenzen sind Mitgefühl und Kreativität.Den Luxus des Gegeneinanders und des allgemeinen Wettkampfes werden wir uns nicht mehr leisten können, wenn es darum geht, daß viele überleben. Auch die patriarchale Schicht unserer Kultur mitsamt ihren Bildern und Institutionen muß also in Frage gestellt werden.

Kreativität wird gebraucht, um auch in völlig ungewohnten Situationen Lösungen finden zu können. Die kindliche Einstellung, das nichts selbstverständlich bzw normal ist, ist die beste Grundlage für Kreativität, egal in welchem Alter. Mit der Erziehung zur Normalität geht auch die Kreativität verloren. Ob Kinder gleich als vollwertige Menschen mit allen daraus folgenden Rechten anerkannt werden oder erstmal eine jahrelange Sonderbehandlung namens Erziehung durchstehen müssen, ist also nicht nur eine formale Frage. Es ist eine Frage des Überlebens.

Das Bürgertum hat so oder so keine Zukunft mehr. Doch BürgerIn zu sein heißt nicht, BürgerIn bleiben zu müssen. Unsere Eltern zum Beispiel haben irgendwann ihre Versuche, uns zu erziehen aufgegeben, haben bis ins hohe Alter eine Menge gelernt und gehören jetzt zu unsern besten Freunden. Und sie sind nicht die Einzigen, die einen Weg hinaus gefunden haben aus der Burg. Erwachsensein ist heilbar.

Jobst Quis


Anmerkungen:
(1)Das klingt nach Schwarz-Weiß-Malerei, aber genau so polarisiert war meine/unsere Wahrnehmung damals. Umso größer war der Schock für mich in der Schulzeit, als ich mehr und mehr Kinder kennenlernte, die nicht in dieses positive Bild paßten. Doch zu Erwachsenen gab es garkeine ungestörten Beziehungen , wobei Streit nicht als Störung galt, wohl aber Machtausübung, auch wenn sie gut gemeint war.

(2) Ich benutze hier und im folgenden bewußt die männliche Form als Prototyp, da die Konstruktion und ideologische Begründung des Bürgertums fast ausschließlich eine Männerangelegenheit war. Einige der Sätze sind natürlich auch wahr, wenn Bürger durch Bürgerin ersetzt wird.

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2 Gedanken zu „Wo kommen wir da hin?

  1. Anonymous

    Boahhh – dein Text lässt mich atemlos zurück.
    Bin gerade mit dem Thema „Die Frau in der Gesellschaft“ beschäftigt und du hast viele Aspekte angesprochen, die mich gerade umtreiben…

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    Antwort
    1. MachtNix

      Deinen Atem hast du ja wohl hoffentlich wiedergefunden. Es freut mich sehr, wenn du mit meinem Text was anfangen kannst. „Die Frau in der Gesellschaft“ ist darin zwar nicht Thema, aber vielleicht liegt es daran, dass mein Denken auch von vielen Frauen inspiriert worden ist. Auf der Suche nach einer tiefer gehenden Systemkritik, die über Kapitalismuskritik hinausgeht, bin ich vor allem bei Büchern von Frauen, zum großen Teil aus der Frauenbewegung, fündig geworden.

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