Der Reiz der Bedrohung

Nach Amokläufen und anderen erschreckenden Gewalttaten kommt es immer wieder zur Diskussion, dass im Fernsehen, im Kino und in Computerspielen zuviel Gewalt dargestellt wird. Soweit richtig, doch was dann folgt, ist meist die Stammtischlösung, das ‚Böse‘ doch endlich zu verbieten, was zum einen Zensur legitimiert und damit die Freiheit bedroht. Zum andern ist fraglich, ob sich das ‚Böse‘ verbieten läßt. Es gibt nicht deshalb soviel Gewalt in den Medien, weil da eine Verschwörung zur Brutalisierung der Gesellschaft wäre, sondern weil sie sich so gut verkaufen lässt. Weil es in dieser Gesellschaft ein eigentümlich grosses Bedürfnis danach gibt, der Gefahr ins Auge bzw sicherheitshalber in den Bildschirm zu sehn.

Was gefährlich ist, ist wichtig. Das ist der natürliche und sinnvolle Kern dessen, was die Bedrohung so reizvoll macht. Es gibt im normalen Leben viele Details zu lernen wie ein gesundes, ehrenvolles und angenehmes Leben zu führen ist, doch all das kann augenblicklich bedeutunglos werden in einer Situation, die das Leben bedroht. Wenn jetzt auch nur ein Fehler gemacht wird, ist möglicherweise die ganze Lebensplanung hinfällig. Also ist höchste Aufmerksamkeit nötig und das jetzt Gelernte wird auch ohne Wiederholung nie wieder vergessen.

Auf biochemischer Ebene wird in solchen Situationen das Hormon Adrenalin freigesetzt. Es bewirkt alles, was die Überlebenschancen bei Kampf oder Flucht erhöht. So mobilisiert es Energiereserven, steigert die Herzfrequenz und die Durchblutung des Hirns und der Bewegungsmuskulatur und hemmt andererseits die Durchblutung der Haut und der Verdauungsorgane. Alle Aufmerksamkeit wird nach außen gerichtet, auf Kosten der Selbstwahrnehmung zB von Schmerz, Hunger, Durst und anderem Unwohlsein. Insofern ist es auch ein Betäubungmittel, zwar aus körpereigener Produktion, das aber dennoch süchtig machen kann.

Wo Konkurrenz und Rangfolge eine große Bedeutung hat, kommt das Heldentum noch mit ins Spiel. Wer mit Gefahr umgehen kann, ist wichtig. Kleine Jungs (und gelegentlich auch Mädchen) sind auch deshalb von bedrohlichen Situationen fasziniert, weil sie Perspektiven anbieten in Bezug auf die angestrebte eigene Position im späteren Leben. Die patriarchalen Kulturen sind voll von Heldengeschichten, in denen einem Menschen, der die Gefahren meistert, alle Aufstiegsmöglichkeiten offenstehen. Inclusive der Liebe der schönsten Prinzessin, dem Königreich und nicht zuletzt der Ehre, das Gute vor dem Bösen gerettet
zu haben.

Dazu kommt, das sich die Superhelden über die banalen Verpflichtungen und Rücksichtnahmen, die für normale Menschen gelten, hinwegsetzen können. James Bond hat nicht nur eine Lizenz zum Töten, es wäre auch undenkbar, das er zum Aufräumen des Chaos herangezogen wird, das er (dem Zuschauer zuliebe ?) bei seinen Verfolgungsjagden anrichtet. Wen wunderts, wenn Kinder bei solchen Vorbildern diese elitäre Freiheit ohne
Konsequenz und Gegenseitigkeit auch für sich beanspruchen.

Diese Freiheit gilt auch für die Bösewichter, zumindest bis zu ihrer Niederlage. Überhaupt wird der Unterschied zwischen gut und böse immer unwesentlicher gegenüber dem Unterschied zwischen Kämpfern und gewöhnlichen Menschen. Und wenn der Karrierezug zum Superheld längst abgefahren ist, eine Chance zum Bösewicht gibt es immer. Es wäre naiv, zu leugnen, dass es auch eine Lust an der Zerstörung gibt. Aus Rachegefühlen gegenüber einer Gesellschaft, die viel fordert und wenig  Verständnis hat für Menschen, die ihr nicht nützlich sind. Das, was wir uns selbst nicht zu leben trauen, beobachten wir an Bösewichtern mit klammheimlicher Faszination in den Medien.

Der Eskalation auf den Bildschirmen steht eine entgegengesetzte Entwicklung im ‚Real Life‘ gegenüber. Aus einem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis heraus, an dem das bedrohliche Weltbild der Massenmedien massgeblich beteiligt ist, wird unser Alltag immer ärmer an Erlebnissen und verlagert sich mehr und mehr ins vermeintlich sichere Häusliche. Mit der verbannten Gefahr verliert das Leben jedoch auch an Tiefe, es wird belanglos und öde. Gemessen an den Erlebnismöglichkeiten meiner Generation als Kinder in den 50’ern und 60’ern kann ich die Situation heutiger Kinder nur als Schutzhaft bezeichnen. Die Bildschirme der Medienwelt sind dabei wie Fenster im Luxusgefängnis, sie erscheinen weit spannender als die Wirklichkeit drinnen und verbreiten zugleich die
Angst vor dem Draußen. Ihre Faszination wird erst dann nachlassen, wenn das ‚Real Life‘ seine Richtung ändert und selbst wieder spannender wird. Offen bleibt, ob wir etwas dafür tun oder weiter darauf warten, dass kommende Katastrophen es für uns erledigen.

Jobst Quis

Geschrieben für den Zeitpunkt.
Wahrscheinlich wird er im Heft 106 erscheinen, aber viel kürzer.

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6 Gedanken zu „Der Reiz der Bedrohung

  1. JanMoewes

    All diese Amokläufer leiden unter einer totalen Isolation, die im Elternhaus beginnt, in dem keine Kommunikation mehr stattfindet sondern totale Anpassung an diktierte Regeln verlangt wird. Das eigene Ich bleibt sozusagen auf der Strecke und das ungelebte Leben weckt Hass und Zerstörungswut – eigentlich auf sich selbst, die sich dann jedoch an anderen entlädt. Einmal die Macht in den Händen haben, der man sich sein Leben lang unterwerfen musste. Und nach diesem Moment der „Glorie“ ist es ja sowieso vorbei. LUST an der Zerstörung haben nur Hasserfüllte, denke ich. Das soll nicht heißen, dass dein Artikel falsch wäre, aber er kommt nicht an den Kern, wenn du mich fragst.

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  2. MachtNix

    Es geht mir in dem Artikel nicht speziell um Amokläufer, sondern ganz allgemein um alle, die Gewalt und/oder Bedrohung in den Medien interessanter und spannender als andere Inhalte empfinden. Was hältst du für den Kern, an den mein Artikel nicht rankommt?

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  3. Hobbyphilosoph64

    Hallo MachtNix !
    Bist schon auf dem richtigereren Weg denke ich. unsere Probleme resultieren aus unserer Biochemie. Wobei Adrenalin und die (soziobiologische) Sicht, wie von dir geäußert eher dem Denken unserer Eliten zugute Kommt. Ich vermute mal wir müßten uns mehr in Richtung (neurobiologischer) Sicht umschauen. Dopamin, endogene Opioide und Oxytozin, körpereigene Drogen wie Adrenalin aber als Motivationssystem bedeutend umfangreicher und für das verstehen der Realität exakter. Auch was Kindererziehung, Vorurteile gegenüber aufälligen Kindern usw.angeht. Joachim Bauers Buch „Prinzip Menschlichkeit“ wäre da zu empfehlen. Kommst vielleicht auch zu dem Schluß, das wir die Welt in die Hände suchtkranker Menschen, unseren dynamischen Kräften, den Eliten gelegt haben.
    Freue mich deine Bekanntschaft gemacht zu haben.
    Hengist Erbse eigentlich Holger!

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  4. SchwesterClaudia

    Hallo, lieber „Machtnix“!
    Nun habe ich mir endlich mal einen Text von Dir aufmerksam durchgelesen – und ich bin beeindruckt von Deiner Schreibweise und Deinem durchstrukturierten Denken. Eigentlich kann ich da überhaupt nicht mithalten.
    Trotzdem schreibe ich einen Kommentar.
    Was ich gerne zu Deinem Thema los werden möchte: Jede Generation hatte Kontakt zu Gewalt. Ob es nun die Jungen/Mädchen zur Hitler-Zeit waren, oder die jetzige Generation schockierender Gewaltspiele. Gewalt – sei es virtuell oder neben/hinter der eigenen Haustür – präsentiert sich in mehr oder minder schlimmen Auswirkungen fast immer. Es gehört zu unserem Wesen, Macht auszuüben, so ungern wir das hören. Dieses Verhalten gehört zu unseren Urinstinkten. Wir können das mit unverhohlener Gewalt tun, aber auch unterschwellig oder larviert, z.B. als „der böse Personalleiter eines Großunternehmens, der nicht 100 Prozentig perfekte Mitarbeiter mit subtilem Psychoterror fertig macht“, oder ganz banal als Familienoberhaupt, welches sich die größere Macht über Kinder/Partner erkämpft.
    Können wir besser werden als wir sind?
    Nun, ich denke, das sind wir schon. Klar, es gibt böse Computer-Spiele, und natürlich auch „böse“ Menschen, aber ich denke schon, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten 50 Jahren zum Positiven hin entwickelt hat. Es sind nur kleine Fortschritte, doch jede kleinste Weiterentwicklung unserer Empathie bringt uns weiter.
    Und was die „bösen“ Computer-Spiele angeht: Ich kenne doch tatsächlich viele Menschen, die sich diesem hin und wieder hingeben. Und das sind trotzdem Menschen, die über ein hohes Maß an Empathie verfügen. Sie benutzen solche Spiele sozusagen als „virtuellen Sandsack“, lassen sich aber ansonsten nicht zu Gewalttaten hinreißen.
    Was können wir daraus schließen?
    Ich denke so: Man darf die Macht der Psychose nicht unterschätzen. Die Psychose ist mehr verbreitet, als man glaubt.
    Bei einer Psychose fühlt man sich früher oder später verfolgt, gehasst und bedroht. „Alle hassen mich, lachen über mich… denen werde ich es zeigen, denen Ignoranten, die glauben wertvoller zu sein als ich.“
    Leider hat unsere Gesellschaft (und vor allem Medizin!) nocht nicht vollkommen begriffen, wie verheerend eine einfache, kleine Psychose sich auf das Verhalten eines Menschen auswirken kann.
    Da werden merkwürdige Verhaltensweisen fest gestellt, doch es gibt erst sehr spät, in einem fortgeschrittenen Stadium dieser Erkrankung, (erzwungene) Hilfe für diese kranken Menschen.
    Gerade bei Jugendlichen speist man krankhafte Verhaltensweisen als „Hormonbedingte Konflikte“ ab, obwohl sich diese Menschen wahrscheinlich bereits in einem schweren (aber unerkannten) Krankheitsprozess befinden.
    Wenn dann mal hin und wieder doch einer dazwischen ist, der Amok begeht, dann ist der schockierte Aufschrei in der Gesellschaft groß.
    Ich denke, wenn wir (und vor allem das Gesundheitssystem und die Gesetzeslage) ein schnelleres Eingreifen in psychische Erkrankungen erlauben und erwünschen würde, dann gäbe es auch weitaus weniger Gewalt in unserer Gesellschaft.

    Nachdenkliche Grüße,
    Schwester Claudia.

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  5. MachtNix

    Hallo Claudia,
    es freut mich, dass es dir soweit wieder besser geht und du wieder schreiben kannst.

    Doch inhaltlich muß ich dir in einigem widersprechen.

    „Es gehört zu unserem Wesen, Macht auszuüben, so ungern wir das hören. Dieses Verhalten gehört zu unseren Urinstinkten.“

    Macht auszuüben und machtorientiertes Verhalten gehört zu unserer Kultur, zu den kollektiven Gewohnheiten, aber nicht zu unserem Wesen oder Urinstinkten. Das ist eine sehr häufige Vertauschung von Kultur und Natur. Das Gute wird immer wieder als kulturelle Errungenschaft deklariert und das Böse der Natur in die Schuhe geschoben.

    Ich empfehle dir Jean Liedloffs „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“, das hat mir deutlich gemacht, das Menschen nicht von Natur aus gegeneinander ankämpfen und konkurrieren müssen. Und wenn man das erstmal erkannt hat, sieht man , dass es sogar hier in unserer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft einige Menschen gibt, die alles andere als Macht anstreben.

    „Da werden merkwürdige Verhaltensweisen fest gestellt, doch es gibt erst sehr spät, in einem fortgeschrittenen Stadium dieser Erkrankung, (erzwungene) Hilfe für diese kranken Menschen.“

    Da bin ich doch noch recht froh, dass die Schwelle für „erzwungene Hilfe“ so hoch liegt. Es würde mir Angst machen, wenn man für jedes abweichende Verhalten gleich zwangsweise psychiatrisch behandelt werden könnte. Da hab ich einfach nicht das Vertrauen in die Psychiatrie.

    Ich habe selbst auch viel mit psychotischen Menschen zu tun gehabt und ich weiß wie schwer das ist. Aber mir ist es immer noch lieber wenn tausende Psychotiker frei herumlaufen, als wenn ein Gesunder zwangsweise psychiatrisch behandelt wird. Vielleicht gerade weil er gesünder ist als der Mainstream, und sich deshalb abweichend verhält.

    LG Jobst

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  6. Anonymous

    Dein Artikel ist sehr interessant, gefällt mir sehr.
    Und die Empfehlung Jean Liedloffs Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ finde ich sehr schön. Es ist ein wundervolles und faszinierendes Buch. Ich habe es vor ein paar Wochen meinem Sohn geschenkt, der im Januar selbst Vater wird.

    Darin stimme ich dir auch zu:
    „daß Menschen nicht von Natur aus gegeneinander ankämpfen und konkurrieren müssen. Und wenn man das erstmal erkannt hat, sieht man , dass es sogar hier in unserer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft einige Menschen gibt, die alles andere als Macht anstreben.“

    Ich denke, das „Böse“ wird weiterhin für viele mehr als faszinierend bleiben und verbieten kann man es tatsächlich nicht. Bleibt also nur zu hoffen, dass das Schöne in der Welt zunehmend wieder draußen entdeckt wird, dass unsere Kinder ihre kleinen abenteuerlichen Erfahrungen außerhalb des TV-bestückten Wohnzimmers erleben dürfen.

    LG, es war schön hier zu lesen.

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