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Druck – die ungesehene Gewalt

Von hohen erzieherische Idealen zu tiefen seelischen Störungen

Über viele Jahrhunderte war Gewalt in der Erziehung normal und üblich, inzwischen ist sie zum Glück verpönt. Seit dem Jahr 2000 sind im Bürgerlichen Gesetzbuch Regeln für den Schutz von Kindern festgeschrieben: „Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“. Ergibt sich daraus nun ein goldenes Zeitalter für Kinder? Es gibt glückliche Kinder, doch sie scheinen eher eine Minderheit zu sein. Wer in den 60ern zur Schule ging, dem wird seine Schulzeit recht locker vorkommen im Vergleich mit den Problemen in und um Schule der Kinder und Jugendlichen von heute.

Mit dem Bekenntnis zur Gewaltfreiheit haben sich die Vorstellungen von der Notwendigkeit der Erziehung nicht wesentlich geändert. Das Kind ist weiterhin Objekt von Wunschvorstellungen und Erziehungszielen, die nicht weniger, sondern mehr und mehr werden und unbarmherziger verfolgt werden. Da stellt sich die Frage, wie das, was früher mit Gewalt erreicht oder zu erreichen versucht wurde, heute auf „gewaltfreiem“ Weg angestrebt wird.

Gewalt ohne Täter?

Im Allgemeinen wird Gewalt als eine Tat angesehen, es gibt einen oder mehrere Täter sowie ein oder mehrere Opfer. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat jedoch festgestellt, dass die Ursachen und die Dynamik von Gewalt erst verständlich werden, wenn man den Gewaltbegriff von der sichtbaren Tat erweitert um die kulturelle und die strukturelle Gewalt. Unter kultureller Gewalt versteht er Denk- und andere Gewohnheiten, die Gewalt rechtfertigen oder veranlassen. Zur strukturellen Gewalt zählen Macht- und Gesellschaftsstrukturen, die wie direkte Gewalt eine vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender Bedürfnisse oder Entfaltung der Möglichkeiten von Menschen bewirken.  http://them.polylog.org/5/fgj-de.htm

Die Auswirkungen von Gewalt sind neben körperlichen Schäden vor allem psychische Beeinträchtigungen: Angst und Scham als direkte Emotionen, die dann Entmutigung und vermindertes Selbstwertgefühl nach sich ziehen. Eine solche Einschüchterung ist meist auch vom Täter gewollt, um eigene Interessen durchzusetzen. Nun sind viele Menschen eingeschüchtert, mutlos und voller Selbstzweifel, ohne dass ihnen offensichtlich Gewalt angetan wurde. Das spricht dafür, dass hier eine subtile Form von Gewalt am Werke ist, die nicht so leicht einem Täter und einer Tat zuzuordnen ist. Sie könnte identisch sein mit der kulturellen und strukturellen Gewalt, die Galtung anspricht.

Von den Betroffenen wird diese subtile Gewalt als Druck empfunden und benannt, als etwas Schweres, was niederdrückt und dem man viel Kraft entgegensetzen muss, um nicht erdrückt zu werden. Zwang ist etwas ähnliches, allerdings hat Zwang ein eindeutiges Ziel, was der Gezwungene tun soll. Druck dagegen ist eher diffus, er hat nur eine Richtung, dem Betroffenen wird zusätzlich zugemutet, selbst herauszufinden, wie er dem Druck nachgeben kann.

(Er)Ziehen und (Er)Drücken

Physikalisch gesehen ist Druck eine Art der Kraftübertragung von einem Körper zu einem anderen. Mit der Folge, dass der zweite Körper bewegt wird, wenn keine ebenso starke Gegenkraft vorhanden ist. Die Richtung der Bewegung ist beim Druck von der bewirkenden Kraft weg. Die entgegengesetzte Art der Kraftübertragung ist der Zug, hier ist die Bewegungsrichtung zur Kraft hin. Druck wirkt durch Abstoßung, der Zug durch Anziehung.

Der Unterschied zeigt sich, wenn das Objekt beweglich ist. Mit einem Seil kann man ziehen, aber man kann damit keinen Druck übertragen. Beim Druck auf ein Objekt versucht dieses auszuweichen, wenn immer das möglich ist. Um Druck anzuwenden, braucht es eine Struktur, die jedes Ausweichen verhindert. Ohne die Schulpflicht und ein ganzes System der Kontrolle über Ausweichmöglichkeiten könnte über die Schulen kein Druck auf die Schüler ausgeübt werden, sie würden einfach wegbleiben.

Freiwilliges Lernen geschieht über Anziehungskräfte, übers Interesse und die Freude und Vorfreude am Können und Wissen. Dafür braucht es keine Machtstrukturen und Kontrollen. Aber unser Gesellschaftssystem baut nicht auf Freiwilligkeit. Wenn es so wäre, müssten beispielsweise die unangenehmsten Arbeiten am besten bezahlt werden. Es ist aber eher umgekehrt, sie werden am schlechtesten entlohnt und am wenigsten anerkannt. Und das ist so gewollt von denen, die von den Niedriglöhnen profitieren. Dafür braucht es Verlierer, Menschen, die das hinnehmen, ohne sich zu wehren. Um diese Interessen durchzusetzen, braucht es Druck, Machtstrukturen und Kontrolle über die Ausweichmöglichkeiten, kurz gesagt: die strukturelle Gewalt. Dazu aber auch noch die kulturelle Gewalt, die Denkweisen und Vorstellungen, dass das alles normal, richtig und unabänderlich ist.

Kein Mensch wird als Verlierer geboren, dazu muss er erzogen werden, oder treffender gesagt: erdrückt. Er muss an den Druck gewöhnt werden, der ihn später dazu zwingt, die Dreckarbeit zu erledigen. Auch das ist Aufgabe der Schule, die Hierarchien zu erhalten, die oberen wie die unteren Positionen zu verteilen. In den Festreden und Schriften zur Begründung von Schule kommt dies natürlich nicht vor. Ohne diese Aufgabe, wenn es wirklich nur um optimale Bildung ginge, könnte Schule ganz anders sein, erfreulicher für Schüler und Lehrer. Dass sie so bleiben muss, wie sie schon immer war, liegt genau daran.

Konflikte, Spannung und Widerstand

Eltern und Lehrer sind diejenigen Erwachsenen, die am meisten mit den Schülern zu tun haben. Dennoch wäre es zu kurz gedacht, sie als alleinige Verursacher des Drucks zu sehen. Der Druck kommt aus der ganzen Gesellschaft. Eltern und Lehrer sehen sich nur als Überbringer der schlechten Botschaft, dass die Welt nun mal eben so ist.

Ganz unschuldig am Druck sind Eltern und Lehrer aber auch nicht. Der Druck kommt von oben, aber sie machen mit, geben den Druck weiter, meistens, um Konflikte mit der Macht von oben zu vermeiden. Konflikte treten auf, wo die Spannung groß ist, und die Spannung verteilt sich nach den Widerständen. Das gilt in einer Hierarchiekette ebenso wie bei einer Serienschaltung in der Elektrophysik. Die Gesamtspannung ist die Differenz zwischen der menschlichen Natur und dem Idealbild von Menschen, wie es von den Mächtigen in Wirtschaft und Politik als idealer Arbeiter, Konsument und Untertan gewünscht wird. Auf dem Weg von Oben nach Unten zum betroffenen Schüler hin wäre theoretisch überall Widerstand zum Druck von oben möglich, da er aber praktisch kaum vorhanden ist, bleibt fast die gesamte Spannung und das ganze Konfliktpotential unten, in Schule und Elternhaus.

In der offiziellen Schulhierarchie von der Kultusministerkonferenz bis zum Lehrer ist der fehlende Widerstand nicht weiter verwunderlich – mutige Lehrer, die den Druck nicht weitergeben, sondern abmildern, waren schon immer Ausnahmen. Doch dass jetzt auch die meisten Eltern den Druck in der Schule als selbstverständlich und unvermeidlich akzeptieren, ist eine neuere Entwicklung.

Nach der Einführung der Schulpflicht gab es massive Widerstände von Eltern dagegen. Zwar war das nicht immer im Interesse der Kinder, oft ging es auch nur darum, die Arbeitskraft der Kinder zu nutzen. Doch immerhin waren die Forderungen von Schule und Elternhaus unterschiedlich, sie konnten gegeneinander ausgespielt werden, es gab mehr Lücken im System, mehr Möglichkeiten, auszuweichen. Der Druck der Schule über die Noten war auszuhalten, solange die Eltern nicht soviel Wert darauf legten.

Die Vorstellungen, dass das spätere Lebensglück von den Noten in der Schule abhängt, und dass Konkurrenz und Leistungsdruck natürlich und unvermeidbar ist, sind auch deshalb von Eltern und der ganzen Gesellschaft übernommen worden, weil der Druck in der Arbeitswelt zugenommen hat. Existenzängste aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Löhne im unteren Bereich werden zu Sorgen um die Zukunft der Kinder, von denen die Wahrnehmung ihres gegenwärtigen Unwohlseins überdeckt wird. Weil sie sich selbst an die Anforderungen von Oben angepasst haben , halten sie es auch für die beste oder einzige Überlebensstrategie für ihre Kinder.

Der letzte Konflikt

Wenn auch die Schüler den Widerstand aufgeben und die Sichtweise der Gesellschaft übernehmen und das wollen, was sie wollen sollen, scheint es für die Erzieher ein Erfolg, ein Erziehungsziel ist erreicht. Doch für viele Schüler fängt das Drama damit erst richtig an, denn der Konflikt zwischen Idealbild und menschlicher Natur ist damit nicht gelöst, er ist nur ins Innere der Seele verschoben, wo er sich verheerend auswirken kann. Der Wille und das Bewusstsein ist ja nur ein Teil des ganzen Menschen, das Unterbewusstsein und der Körper machen nicht alles mit, was der Wille sich vornimmt. Der Konflikt im Inneren wird zum Kampf gegen sich selbst, der im Extremfall bis zur Selbsttötung gehen kann.

Seit Jahrmillionen haben Kinder draußen frei herumstreunend die Welt erkundet, darauf hat sich die menschliche Natur eingestellt. Deshalb fühlt sich die menschliche Natur nicht wohl dabei, ein Leben wie in der Schule zu führen. Stundenlang stillzusitzen und den Kopf mit Informationen zu füllen, die kaum Bezug zum restlichen Leben haben, ist nicht gerade das, was sie vom Leben erwartet. Mit Glücksversprechen für die ferne Zukunft kann das Unterbewusstsein, die körpernahe Intelligenz, nicht viel anfangen, doch bei unerträglicher Gegenwart sucht sie nach Auswegen.

Diese Auswege führen zu Symptomen, die dann als krankhaft gesehen werden. Als Reaktion auf die Langeweile wird in der Freizeit nach rauschhaftem Erleben gesucht, es kommt zu Süchten aller Art. Bei Mangel an Erfolgserlebnissen, an Freude und Begeisterung gehen die Lebensfunktionen auf Sparflamme, was dann als Depression diagnostiziert wird. Wenn das Unterbewusstsein dagegen noch über viel Energie verfügt, rebelliert es gegen die Anpassung des Bewusstseins und bringt damit genau die Symptome hervor, die der neu entdeckten Krankheit ADHS zugeschrieben werden: innere Unruhe, Ablenkung, impulsives Verhalten, Hyperaktivität.

Die Anerkennung als krank ist für den Betroffenen erst mal entlastend, er wird nicht mehr so sehr als faul, bösartig oder unwillig attackiert. Doch zugleich wird damit die Norm und die Normalität des schulischen Druckes vor Kritik geschützt. Am kranken Schüler stimmt etwas nicht, seine Natur ist fehlerhaft, er muss behandelt werden. Die Schule als Beteiligte am Konflikt gerät aus dem Blickfeld, an ihr etwas zu ändern, kommt niemandem mehr in den Sinn.

Mit Medikamenten geht die Konfliktverschiebung noch einen Schritt weiter, nun wird auf biochemischer Ebene ins Gehirn eingegriffen, um Erziehungsziele durchzusetzen. Mit Ritalin wird das störende Unterbewusstsein betäubt, mit Antidepressiva die Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt.

Bezahlt wird mit lebenslanger Medikamentenabhängigkeit und Nebenwirkungen, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Das Erschreckende ist das blinde Funktionieren des Systems, der gemeinsam abgewendete Blick. Statt den Mangel an Freude und Begeisterung zu bemerken, werden Antidepressiva gegeben. Statt ein natürliches Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung anzuerkennen, wird Ritalin verordnet. Schöne neue Welt – wir sind angekommen!

Jobst Quis

Geschrieben für Unerzogen-Magazin 1/14 http://www.unerzogen-magazin.de/

Werden demnächst auch Steinigungen wieder erlaubt ?

Es macht mir mal wieder große Sorgen, gegenwärtige Entwicklungen zu beobachten. Nach dem Beschneidungsurteil von Köln hat die Bundesregierung angekündigt, ein Gesetz zu verabschieden, das Beschneidungen an Kleinkindern aus religiösen Gründen ausdrücklich erlaubt. Ein sogenannter Ethikrat hat dem zugestimmt unter der Bedingung, dass gewisse moderne medizinische Standards eingehalten werden. Das eigentliche ethische Problem, ob Eltern das Recht haben, ihre Kinder irreversibel verstümmeln zu lassen, rückte dabei in den Hintergrund.

Als Begründung wird u.a. aufgeführt, dass Juden ja garnicht anders können, als ihre neugeborenen Jungs zu beschneiden, weil es so in der Bibel steht, es ihnen sozusagen von Gott befohlen wurde. Und nun wurde mir richtig bange, als ich las , dass auch die uralte religiöse Tradition der Steinigung von Gott befohlen wurde, bei Gotteslästerung, Ehebruch, Ungehorsam von Kindern und ähnlichem.

http://www.gavagai.de/re/HHD2008S.htm

Müssen wir nun damit rechnen, dass es demnächst im Namen der Religionsfreiheit auch Ausnahmegesetze zu Mord und Todschlag geben wird, damit religiöse Mitmenschen (nicht nur Juden) ungestraft tun können, was Gott ihnen befohlen hat ? Und wie könnten die medizinischen Bedingungen des Ethikrates dazu lauten ?

Auf ein Neues !

Verzweifelter Jubel,
das Volk flippt aus.
Zu Ehren einer neuen,
einer größeren Zahl.

Ein Feierwerk
puren Überlebens,
allen Unkenrufen
zum Trotz.

Dem großen Knall
ein Stück näher,
der Erlösung
vom weiter so.

Die alte Zeit
geschunden,
vertrieben
und totgeschlagen.

Nun also drauf und dran,
auf’s Neue.
Angebrochen
ist es schon.

Über die Freude, gemieden und verachtet zu sein

Jetzt möcht ich gern mal mein derzeitiges Lieblingsgedicht vorstellen. Als Gruß an alle Künstler, die ihre Kunst wichtiger nehmen als den Erfolg und deshalb meist im Verborgenen blühen.

Schmach
von Kahlil Gibran
(Im Original „Defeat“ aus „The Mad Man“)

Schmach, meine Schmach, meine Einsamkeit und Weite,
bist mir lieber als tausend Triumphe,
meinem Herzen süßer als aller Ruhm der Welt.

Schmach, meine Schmach, mein Selbsterkennen und mein Trotz,
durch dich weiß ich, dass ich noch jung und leichtfüßig bin
und welkendem Lorbeer nicht in die Falle geh.
In dir nur fand ich Alleinigkeit
und die Freude, gemieden und verachtet zu sein.

Schmach, meine Schmach, mein glänzend Schwert und Schild,
in deinen Augen las ich,
dass gekrönt zu werden Versklavung ist,
verstanden zu werden Erniedrigung bedeutet,
und begriffen zu werden Erntezeit,
wie eine reife Frucht zu fallen und verzehrt zu werden.

Schmach, meine Schmach, mein kühner Gefährte,
sollst meine Lieder hören, meine Schreie und mein Schweigen,
niemand außer dir soll vom Schlagen der Flügel mir sprechen,
vom Drängen der Meere
und vom Brennen der Berge bei Nacht,
du allein sollst meine steile, felsige Seele erklimmen.

Schmach, meine Schmach, mein unsterblicher Mut,
du und ich werden lachen gemeinsam mit dem Sturm,
gemeinsam werden wir Gräber schaufeln für alle, die in uns sterben,
wir werden in der Sonne stehen mit einem Willen,
und wir werden gefährlich sein.

Der Reiz der Bedrohung

Nach Amokläufen und anderen erschreckenden Gewalttaten kommt es immer wieder zur Diskussion, dass im Fernsehen, im Kino und in Computerspielen zuviel Gewalt dargestellt wird. Soweit richtig, doch was dann folgt, ist meist die Stammtischlösung, das ‚Böse‘ doch endlich zu verbieten, was zum einen Zensur legitimiert und damit die Freiheit bedroht. Zum andern ist fraglich, ob sich das ‚Böse‘ verbieten läßt. Es gibt nicht deshalb soviel Gewalt in den Medien, weil da eine Verschwörung zur Brutalisierung der Gesellschaft wäre, sondern weil sie sich so gut verkaufen lässt. Weil es in dieser Gesellschaft ein eigentümlich grosses Bedürfnis danach gibt, der Gefahr ins Auge bzw sicherheitshalber in den Bildschirm zu sehn.

Was gefährlich ist, ist wichtig. Das ist der natürliche und sinnvolle Kern dessen, was die Bedrohung so reizvoll macht. Es gibt im normalen Leben viele Details zu lernen wie ein gesundes, ehrenvolles und angenehmes Leben zu führen ist, doch all das kann augenblicklich bedeutunglos werden in einer Situation, die das Leben bedroht. Wenn jetzt auch nur ein Fehler gemacht wird, ist möglicherweise die ganze Lebensplanung hinfällig. Also ist höchste Aufmerksamkeit nötig und das jetzt Gelernte wird auch ohne Wiederholung nie wieder vergessen.

Auf biochemischer Ebene wird in solchen Situationen das Hormon Adrenalin freigesetzt. Es bewirkt alles, was die Überlebenschancen bei Kampf oder Flucht erhöht. So mobilisiert es Energiereserven, steigert die Herzfrequenz und die Durchblutung des Hirns und der Bewegungsmuskulatur und hemmt andererseits die Durchblutung der Haut und der Verdauungsorgane. Alle Aufmerksamkeit wird nach außen gerichtet, auf Kosten der Selbstwahrnehmung zB von Schmerz, Hunger, Durst und anderem Unwohlsein. Insofern ist es auch ein Betäubungmittel, zwar aus körpereigener Produktion, das aber dennoch süchtig machen kann.

Wo Konkurrenz und Rangfolge eine große Bedeutung hat, kommt das Heldentum noch mit ins Spiel. Wer mit Gefahr umgehen kann, ist wichtig. Kleine Jungs (und gelegentlich auch Mädchen) sind auch deshalb von bedrohlichen Situationen fasziniert, weil sie Perspektiven anbieten in Bezug auf die angestrebte eigene Position im späteren Leben. Die patriarchalen Kulturen sind voll von Heldengeschichten, in denen einem Menschen, der die Gefahren meistert, alle Aufstiegsmöglichkeiten offenstehen. Inclusive der Liebe der schönsten Prinzessin, dem Königreich und nicht zuletzt der Ehre, das Gute vor dem Bösen gerettet
zu haben.

Dazu kommt, das sich die Superhelden über die banalen Verpflichtungen und Rücksichtnahmen, die für normale Menschen gelten, hinwegsetzen können. James Bond hat nicht nur eine Lizenz zum Töten, es wäre auch undenkbar, das er zum Aufräumen des Chaos herangezogen wird, das er (dem Zuschauer zuliebe ?) bei seinen Verfolgungsjagden anrichtet. Wen wunderts, wenn Kinder bei solchen Vorbildern diese elitäre Freiheit ohne
Konsequenz und Gegenseitigkeit auch für sich beanspruchen.

Diese Freiheit gilt auch für die Bösewichter, zumindest bis zu ihrer Niederlage. Überhaupt wird der Unterschied zwischen gut und böse immer unwesentlicher gegenüber dem Unterschied zwischen Kämpfern und gewöhnlichen Menschen. Und wenn der Karrierezug zum Superheld längst abgefahren ist, eine Chance zum Bösewicht gibt es immer. Es wäre naiv, zu leugnen, dass es auch eine Lust an der Zerstörung gibt. Aus Rachegefühlen gegenüber einer Gesellschaft, die viel fordert und wenig  Verständnis hat für Menschen, die ihr nicht nützlich sind. Das, was wir uns selbst nicht zu leben trauen, beobachten wir an Bösewichtern mit klammheimlicher Faszination in den Medien.

Der Eskalation auf den Bildschirmen steht eine entgegengesetzte Entwicklung im ‚Real Life‘ gegenüber. Aus einem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis heraus, an dem das bedrohliche Weltbild der Massenmedien massgeblich beteiligt ist, wird unser Alltag immer ärmer an Erlebnissen und verlagert sich mehr und mehr ins vermeintlich sichere Häusliche. Mit der verbannten Gefahr verliert das Leben jedoch auch an Tiefe, es wird belanglos und öde. Gemessen an den Erlebnismöglichkeiten meiner Generation als Kinder in den 50’ern und 60’ern kann ich die Situation heutiger Kinder nur als Schutzhaft bezeichnen. Die Bildschirme der Medienwelt sind dabei wie Fenster im Luxusgefängnis, sie erscheinen weit spannender als die Wirklichkeit drinnen und verbreiten zugleich die
Angst vor dem Draußen. Ihre Faszination wird erst dann nachlassen, wenn das ‚Real Life‘ seine Richtung ändert und selbst wieder spannender wird. Offen bleibt, ob wir etwas dafür tun oder weiter darauf warten, dass kommende Katastrophen es für uns erledigen.

Jobst Quis

Geschrieben für den Zeitpunkt.
Wahrscheinlich wird er im Heft 106 erscheinen, aber viel kürzer.

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wenn die Wirtschaft Flexibilität und lebenslanges Lernen fordert, ist es richtig, diese Forderungen zurückzuweisen. Jedoch nicht, weil diese Ideale falsch wären, sondern weil sie mit dem Anspruch verbunden sind, dass alle Lebensbereiche wirtschaftlichen Interessen und Erwägungen zu unterwerfen sind. Im Prinzip ist es eine Drohung und vorweggenommene Schuldzuweisung: Wenn du deinen Arbeitsplatz oder deine soziale Stellung verlierst, bist du selbst schuld, weil du nicht flexibel und lernwillig genug bist.

Doch die Bereitschaft, sich mit ungewohnten Situationen und Anforderungen auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen, hat nicht nur für die Wirtschaft ihren Wert, sondern für das Leben und Überleben allgemein. Sie kann sogar dazu beitragen, sich von der Wirtschaft unabhängiger zu machen, sich ihren Zwängen zu entziehen und die Überlebenschancen zu verbessern, falls sie zusammenbrechen sollte.

Bei kleinen Kindern gibt es keinen Mangel an Flexibilität und Lernbereitschaft. Für sie ist Lernen noch Lust und pure Lebensfreude. Sie lernen u.a. krabbeln, gehen, laufen und sprechen, ohne dass jemand ihnen das beibringen könnte. Das Lernen und die Freude daran ist den Menschen also angeboren. Wenn es nun bei den meisten Erwachsenen einen Mangel daran gibt, stellt sich die Frage, wo denn die Lernfreude geblieben ist, wo und wie sie auf dem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen verlorengegangen ist. Und ob es eine Chance gibt, sie wiederzufinden.

Das erste Lernen von Säuglingen und Kleinkindern erfolgt größtenteils selbstbestimmt, aus eigenem angeborenen Antrieb. Dieses Glück verdanken sie oft ihrer noch eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit. Noch kann ihnen keiner sagen, was sie lernen MÜSSEN, wie unfähig sie sind, und was alles falsch ist an dem, was sie machen. Mißerfolge sind noch keine Fehler, für die man sich schämen muss. Sie sind lediglich Gründe, es anders zu versuchen. Und so wird probiert und probiert, bis es funktioniert. Der Erfolg ist dann ungeteilt ein eigener, kein Erzieher kann ihn als Folge seiner Ratschläge und Eingriffe beanspruchen.

Manche Menschen können sich diese Art zu lernen für ihr ganzes Leben bewahren. Wenn sie sich für irgendetwas interessieren, beschäftigen sie sich solange damit, bis sie es können. Man nennt sie Autodidakten, also Selbstbeibringer, und schon diese spezielle Bezeichnung macht klar, dass es nicht als normal angesehen wird. Es ist so, als würde man Menschen, die zum Essen keine fremde Hilfe brauchen, Selbstfütterer nennen.

Als normal wird angesehen, dass es zum Lernen Lehrer oder Erzieher braucht, die mit Druck oder Anreizen zum Lernen motivieren, die Lernziele bestimmen oder vermitteln und den Lernprozeß lenken. Vermutlich trägt der Mangel der Erwachsenen an eigener Lernmotivation zu dieser Vorstellung bei. Später, wenn den meisten Schülern die Lust am Lernen vergangen ist, wird dies auch noch als Bestätigung dafür gesehen, dass Kinder ohne Druck von außen nichts lernen würden. Da es aufgrund der Schulpflicht nur wenige Menschen gibt, die das Glück hatten, ihr Lernen selbstbestimmt gestalten zu dürfen, gibt es auch nur wenige Beispiele dafür, dass die Freude am Lernen selbstverständlich sein könnte und zwar unabhängig vom Alter.

Zwischen Anpassung und Rebellion

Mit dem Erwerb der Sprache ist das Kleinkind weit stärker als vorher mit der umgebenden Kultur verbunden. Einerseits kann es dadurch seine  Lernmöglichkeiten enorm erweitern. Es kann Fragen stellen, sich Erklärungen anhören und mehr und mehr auch Gespräche verstehen, die zwischen anderen stattfinden. Andererseits ist es weit mehr als vorher Einflüssen und Zugriffen auf seine Seele ausgesetzt, die sein Lernverhalten empfindlich stören können. Zwar kann es schon vorher schlecht behandelt und dadurch geschädigt werden, doch erst mit dem Antworten-können kann es dafür wirklich verantwortlich gemacht werden.

Damit sind die Türen offen für Fremdbestimmung und Erziehung, für das Bedürfnis der Erwachsenen, Kinder nach ihren eigenen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu formen, sich und die Gesellschaft in ihnen zu reproduzieren. Es wird gelobt und getadelt, versprochen und gedroht, zurechtgewiesen, kontrolliert, beschämt und gedemütigt, um das Verhalten der Kinder dem Idealbild anzunähern.

Das kann die Kinder in schwere innere Konflikte mit ihrer Eigenmotivation bringen. Die Aufgabe ist nicht mehr allein, sich selbst und die Welt kennenzulernen und sich damit auf die Welt einzustellen. Sie werden mit Forderungen konfrontiert, die nur erfüllbar sind, wenn sie sich gegen sich selbst wenden, gegen die eigene Natur, die sie bis dorthin gebracht hat. Das Schlimmste daran ist, dass diese Forderungen noch ausgerechnet von den Menschen kommen, von deren Unterstützung und Zuwendung sie abhängig sind.

Je nach Härte des Konflikts und der Vorerfahrungen der Kinder entscheiden sie sich ganz unterschiedlich. Viele wählen den Weg, den der Psychoanalytiker Arno Gruen als „Der Verrat am Selbst“ beschreibt. Er beruht auf einem psychischen Mechanismus, der „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt wird. Aus Angst vor der Macht der Eltern und der Gesellschaft geben sie ihr Selbst auf und suchen sich eine neue Identität als Teil dieser Macht. Sie werden brav und gehorsam und versuchen zu lernen, was von ihnen verlangt wird.

Doch dieses Lernen unterscheidet sich grundsätzlich vom ursprünglichen selbstbestimmten Lernen. Die Verbindung zum unterdrückten Selbst ist reduziert bis unterbrochen und so fehlt zweierlei. Erstens das Interesse ( das Gefühl dafür, was sich zu lernen lohnt) und zweitens die Freude (das Gefühl, mit dem, was man tut, auf dem richtigen Weg zu sein ). Nicht mehr die Freude bestimmt das Leben, sondern ihr Gegenteil, die Angst. Denn die Angst vor der Macht wird durch den Verrat am Selbst zwar besänftigt, doch sie verschwindet nicht, bestenfalls bleibt sie im Hintergrund. Es geht nicht mehr um die Freude am Erweitern der Fähigkeiten, sondern nur noch um das Vermeiden von angstauslösenden Situationen.

Andere Kinder entscheiden sich für Rebellion, für Kampf und Widerstand gegen Erziehung und Gesellschaft. Damit erhalten sie sich zwar die Verbindung zu ihrem Selbst und prinzipiell auch zu ihrer Lebensfreude, doch kommen sie selten dazu, sie zu genießen, da sie sich fast ständig im Kampf befinden. Es fällt ihnen leicht, außergewöhnliches oder von Eltern und Gesellschaft unerwünschtes zu lernen. Doch sind sie oft blockiert, das zu lernen, was von ihnen verlangt oder erwartet wird, da sie Anpassung oder Gehorsam als Verrat empfinden.

Ein weiterer Weg, auf den Konflikt zwischen Selbst und Forderungen von Außen zu reagieren, ist der ständige Wechsel zwischen Anpassung und Rebellion. Im Alltag regiert die Disziplin, doch nach Feierabend, zum Wochenende oder einmal im Quartal wird dann ‚die Sau rausgelassen‘, das unterdrückte, zu kurz gekommene Selbst, das sich dann oft – von der Vernunft getrennt – als Sucht darstellt. Die Lernproblematik dabei ist eine Kombination des angepassten, interesse- und freudlosen Lernens im Alltag und des rebellischen Lernens in der Suchtphase.

Wie Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch „Zur Vernunft kommen“ klarstellt, liegen die größten Behinderungen und Beschränkungen der Vernunft im psychischen Bereich. Die Seele hat die Macht, Gedanken zu blockieren oder zu fördern. Er zieht daraus die Konsequenz, dass mit den Seelen schonend umzugehen ist, sowohl mit der eigenen als auch mit denen der Mitmenschen, also auch der Kinder.

Wissenslager und Lernfabriken

Doch es gibt auch Lernprobleme, die mehr kognitiver Art sind, die auch dann auftreten können, wenn Eltern mit der Seele ihrer Kinder schonend umgehen und die oben genannten Konflikte vermeiden. Zum Beispiel der Lernstau durch zuviele Lernanreize. Gerade wenn Eltern von den Lernerfolgen ihrer Sprößlinge überrascht sind, glauben sie oft, sie müßten die Chance nutzen und ihnen noch viel mehr zum Lernen anbieten. Der falsche Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ verleitet sie dazu. Doch ein Zuviel an zu Lernendem hat denselben Effekt wie Ware in den Gängen eines Warenlagers, es ist ständig im Weg.

Bei einem Bewußtsein ist es wie bei einem Warenlager garnicht so entscheidend, wieviel drin ist, sondern ob und wie schnell das zu finden ist, was gebraucht wird. Ebenso ist von Bedeutung, wie leicht und schnell neue Erkenntnisse und neues Wissen eingeordnet werden können. Lernen ist also nicht nur das Ansammeln von Wissen, sondern auch die Suche nach einer optimalen Organisation dieses Wissens. Die erfordert aber immer wieder Umstrukturierungen, die bei ständigem Leistungsdruck garnicht möglich sind. Bei selbstbestimmt Lernenden sind das die scheinbar unproduktiven Phasen, die sich mit lernintensiven Phasen abwechseln.

Kommen wir zur Schule, dem Ort, an dem angeblich das eigentliche Lernen stattfindet, der Institution, die genau diesem Zweck gewidmet ist. Nichts gegen Lernorte, wo sich Menschen jeden Alters zum Lernen treffen können. Doch die bestehende Schule mit Anwesenheitspflicht, Lehrplänen, Klassensystem und Benotung ist eher zum Abgewöhnen des Lernens geeignet.

Alle oben aufgeführten Behinderungen des Lernens und der Freude daran sind auch hier zu finden. Doch sie ist ein Mythos, ein bürgerliches Heiligtum, aufgeladen mit Werten und Bedeutung, zwar selten geliebt, aber doch als unantastbar und unverzichtbar gesehen.

Für die meisten Erwachsenen ist es eine demütigende Vorstellung, noch einmal „die Schulbank drücken zu müssen“. Doch die Konsequenz, Schule und Schulpflicht gründlich zu überdenken und zu ändern, wird daraus leider äußerst selten gezogen. Obwohl das Leiden an ihr, ihr Stress und ihre Langeweile bekannt sind, wird ihre Notwendigkeit eher vehement verteidigt. Eine Erklärung dafür wäre, dass die Erfahrung des Erlittenen besser mit der Vorstellung zu ertragen ist, dass es ohne dies garnicht geht. So wird dem Leiden lieber nachträglich ein Sinn gegeben. Möglich auch, daß es eine Angst vor einer veränderten Gesellschaft ist, zu der die vollzogene Anpassung nicht mehr passt.

Dazu kommt, das Erwachsene oft die Verbindung zu Kindern und zu ihrer eigenen Kindheit verlieren. Etwa zeitgleich mit dem Ende der Schulpflicht erreichen sie den Erwachsenenstatus und möchten damit die Vergangenheit vergessen und verdrängen. Nun gehören sie nicht mehr zu denen, die lernen müssen, sondern zu den fertigen Menschen, die alles wichtige schon wissen. Diese Distanzierung verstärkt natürlich eine lernfeindliche Haltung und ermöglicht ihnen, die schulischen Zwänge, die sie für sich selbst als unzumutbar sehen, bei Kindern für richtig zu halten.

Die Freude am Lernen wiederfinden ?

Es ist relativ einfach, etwas für die Kinder zu tun, damit sie die Freude am Lernen nicht verlieren. Vor allem akzeptieren, dass es ihr Lernen ist. Manchmal können wir es unterstützen, aber fast immer können wir vermeiden, es zu stören. Wir sollten sie nicht (r)unterrichten, doch manchmal können wir sie etwas aufrichten.

Nicht immer einfach ist es dagegen für uns Erwachsene, die Lernfreude wiederzufinden. Es gibt einen Weg, der für jeden anders ist, aber je nach Lebensgeschichte kann er lang und beschwerlich sein. Er fängt damit an, nichts mehr zu geben auf das Erwachsensein und Kontakt aufzunehmen mit dem Kind, das noch in dir steckt. Deinen weiteren Weg wird es dir zeigen.

Jobst Quis

geschrieben für den nächsten  Zeitpunkt

1.Arno Gruen – Der Verrat am Selbst       – dtv ISBN 3-423-08581-9
2.Ekkehard von Braunmühl – Zur Vernunft kommen – Beltz ISBN 3-407-34036-2

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wenn die Wirtschaft Flexibilität und lebenslanges Lernen fordert, ist es richtig, diese Forderungen zurückzuweisen. Jedoch nicht, weil diese Ideale falsch wären, sondern weil sie mit dem Anspruch verbunden sind, dass alle Lebensbereiche wirtschaftlichen Interessen und Erwägungen zu unterwerfen sind. Im Prinzip ist es eine Drohung und vorweggenommene Schuldzuweisung: Wenn du deinen Arbeitsplatz oder deine soziale Stellung verlierst, bist du selbst schuld, weil du nicht flexibel und lernwillig genug bist.

Doch die Bereitschaft, sich mit ungewohnten Situationen und Anforderungen auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen, hat nicht nur für die Wirtschaft ihren Wert, sondern für das Leben und Überleben allgemein. Sie kann sogar dazu beitragen, sich von der Wirtschaft unabhängiger zu machen, sich ihren Zwängen zu entziehen und die Überlebenschancen zu verbessern, falls sie zusammenbrechen sollte.

Bei kleinen Kindern gibt es keinen Mangel an Flexibilität und Lernbereitschaft. Für sie ist Lernen noch Lust und pure Lebensfreude. Sie lernen u.a. krabbeln, gehen, laufen und sprechen, ohne dass jemand ihnen das beibringen könnte. Das Lernen und die Freude daran ist den Menschen also angeboren. Wenn es nun bei den meisten Erwachsenen einen Mangel daran gibt, stellt sich die Frage, wo denn die Lernfreude geblieben ist, wo und wie sie auf dem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen verlorengegangen ist. Und ob es eine Chance gibt, sie wiederzufinden.

Das erste Lernen von Säuglingen und Kleinkindern erfolgt größtenteils selbstbestimmt, aus eigenem angeborenen Antrieb. Dieses Glück verdanken sie oft ihrer noch eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit. Noch kann ihnen keiner sagen, was sie lernen MÜSSEN, wie unfähig sie sind, und was alles falsch ist an dem, was sie machen. Mißerfolge sind noch keine Fehler, für die man sich schämen muss. Sie sind lediglich Gründe, es anders zu versuchen. Und so wird probiert und probiert, bis es funktioniert. Der Erfolg ist dann ungeteilt ein eigener, kein Erzieher kann ihn als Folge seiner Ratschläge und Eingriffe beanspruchen.

Manche Menschen können sich diese Art zu lernen für ihr ganzes Leben bewahren. Wenn sie sich für irgendetwas interessieren, beschäftigen sie sich solange damit, bis sie es können. Man nennt sie Autodidakten, also Selbstbeibringer, und schon diese spezielle Bezeichnung macht klar, dass es nicht als normal angesehen wird. Es ist so, als würde man Menschen, die zum Essen keine fremde Hilfe brauchen, Selbstfütterer nennen.

Als normal wird angesehen, dass es zum Lernen Lehrer oder Erzieher braucht, die mit Druck oder Anreizen zum Lernen motivieren, die Lernziele bestimmen oder vermitteln und den Lernprozeß lenken. Vermutlich trägt der Mangel der Erwachsenen an eigener Lernmotivation zu dieser Vorstellung bei. Später, wenn den meisten Schülern die Lust am Lernen vergangen ist, wird dies auch noch als Bestätigung dafür gesehen, dass Kinder ohne Druck von außen nichts lernen würden. Da es aufgrund der Schulpflicht nur wenige Menschen gibt, die das Glück hatten, ihr Lernen selbstbestimmt gestalten zu dürfen, gibt es auch nur wenige Beispiele dafür, dass die Freude am Lernen selbstverständlich sein könnte und zwar unabhängig vom Alter.

Zwischen Anpassung und Rebellion

Mit dem Erwerb der Sprache ist das Kleinkind weit stärker als vorher mit der umgebenden Kultur verbunden. Einerseits kann es dadurch seine Lernmöglichkeiten enorm erweitern. Es kann Fragen stellen, sich Erklärungen anhören und mehr und mehr auch Gespräche verstehen, die zwischen anderen stattfinden. Andererseits ist es weit mehr als vorher Einflüssen und Zugriffen auf seine Seele ausgesetzt, die sein Lernverhalten empfindlich stören können. Zwar kann es schon vorher schlecht behandelt und dadurch geschädigt werden, doch erst mit dem Antworten-können kann es dafür wirklich verantwortlich gemacht werden.

Damit sind die Türen offen für Fremdbestimmung und Erziehung, für das Bedürfnis der Erwachsenen, Kinder nach ihren eigenen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu formen, sich und die Gesellschaft in ihnen zu reproduzieren. Es wird gelobt und getadelt, versprochen und gedroht, zurechtgewiesen, kontrolliert, beschämt und gedemütigt, um das Verhalten der Kinder dem Idealbild anzunähern. Das kann die Kinder in schwere innere Konflikte mit ihrer Eigenmotivation bringen. Die Aufgabe ist nicht mehr allein, sich selbst und die Welt kennenzulernen und sich damit auf die Welt einzustellen. Sie werden mit Forderungen konfrontiert, die nur erfüllbar sind, wenn sie sich gegen sich selbst wenden, gegen die eigene Natur, die sie bis dorthin gebracht hat. Das Schlimmste daran ist, dass diese Forderungen noch ausgerechnet von den Menschen kommen, von deren Unterstützung und Zuwendung sie abhängig sind.

Je nach Härte des Konflikts und der Vorerfahrungen der Kinder entscheiden sie sich ganz unterschiedlich. Viele wählen den Weg, den der Psychoanalytiker Arno Gruen als „Der Verrat am Selbst“ beschreibt. Er beruht auf einem psychischen Mechanismus, der „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt wird. Aus Angst vor der Macht der Eltern und der Gesellschaft geben sie ihr Selbst auf und suchen sich eine neue Identität als Teil dieser Macht. Sie werden brav und gehorsam und versuchen zu lernen, was von ihnen verlangt wird.

Doch dieses Lernen unterscheidet sich grundsätzlich vom ursprünglichen selbstbestimmten Lernen. Die Verbindung zum unterdrückten Selbst ist reduziert bis unterbrochen und so fehlt zweierlei. Erstens das Interesse ( das Gefühl dafür, was sich zu lernen lohnt) und zweitens die Freude (das Gefühl, mit dem, was man tut, auf dem richtigen Weg zu sein ). Nicht mehr die Freude bestimmt das Leben, sondern ihr Gegenteil, die Angst. Denn die Angst vor der Macht wird durch den Verrat am Selbst zwar besänftigt, doch sie verschwindet nicht, bestenfalls bleibt sie im Hintergrund. Es geht nicht mehr um die Freude am Erweitern der Fähigkeiten, sondern nur noch um das Vermeiden von angstauslösenden Situationen.

Andere Kinder entscheiden sich für Rebellion, für Kampf und Widerstand gegen Erziehung und Gesellschaft. Damit erhalten sie sich zwar die Verbindung zu ihrem Selbst und prinzipiell auch zu ihrer Lebensfreude, doch kommen sie selten dazu, sie zu genießen, da sie sich fast ständig im Kampf befinden. Es fällt ihnen leicht, außergewöhnliches oder von Eltern und Gesellschaft unerwünschtes zu lernen. Doch sind sie oft blockiert, das zu lernen, was von ihnen verlangt oder erwartet wird, da sie Anpassung oder Gehorsam als Verrat empfinden.

Ein weiterer Weg, auf den Konflikt zwischen Selbst und Forderungen von Außen zu reagieren, ist der ständige Wechsel zwischen Anpassung und Rebellion. Im Alltag regiert die Disziplin, doch nach Feierabend, zum Wochenende oder einmal im Quartal wird dann ‚die Sau rausgelassen‘, das unterdrückte, zu kurz gekommene Selbst, das sich dann oft – von der Vernunft getrennt – als Sucht darstellt. Die Lernproblematik dabei ist eine Kombination des angepassten, interesse- und freudlosen Lernens im Alltag und des rebellischen Lernens in der Suchtphase.

Wie Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch „Zur Vernunft kommen“ klarstellt, liegen die größten Behinderungen und Beschränkungen der Vernunft im psychischen Bereich. Die Seele hat die Macht, Gedanken zu blockieren oder zu fördern. Er zieht daraus die Konsequenz, dass mit den Seelen schonend umzugehen ist, sowohl mit der eigenen als auch mit denen der Mitmenschen, also auch der Kinder.

Wissenslager und Lernfabriken

Doch es gibt auch Lernprobleme, die mehr kognitiver Art sind, die auch dann auftreten können, wenn Eltern mit der Seele ihrer Kinder schonend umgehen und die oben genannten Konflikte vermeiden. Zum Beispiel der Lernstau durch zuviele Lernanreize. Gerade wenn Eltern von den Lernerfolgen ihrer Sprößlinge überrascht sind, glauben sie oft, sie müßten die Chance nutzen und ihnen noch viel mehr zum Lernen anbieten. Der falsche Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ verleitet sie dazu. Doch ein Zuviel an zu Lernendem hat denselben Effekt wie Ware in den Gängen eines Warenlagers, es ist ständig im Weg.

Bei einem Bewußtsein ist es wie bei einem Warenlager garnicht so entscheidend, wieviel drin ist, sondern ob und wie schnell das zu finden ist, was gebraucht wird. Ebenso ist von Bedeutung, wie leicht und schnell neue Erkenntnisse und neues Wissen eingeordnet werden können. Lernen ist also nicht nur das Ansammeln von Wissen, sondern auch die Suche nach einer optimalen Organisation dieses Wissens. Die erfordert aber immer wieder Umstrukturierungen, die bei ständigem Leistungsdruck garnicht möglich sind. Bei selbstbestimmt Lernenden sind das die scheinbar unproduktiven Phasen, die sich mit lernintensiven Phasen abwechseln.

Kommen wir zur Schule, dem Ort, an dem angeblich das eigentliche Lernen stattfindet, der Institution, die genau diesem Zweck gewidmet ist. Nichts gegen Lernorte, wo sich Menschen jeden Alters zum Lernen treffen können. Doch die bestehende Schule mit Anwesenheitspflicht, Lehrplänen, Klassensystem und Benotung ist eher zum Abgewöhnen des Lernens geeignet. Alle oben aufgeführten Behinderungen des Lernens und der Freude daran sind auch hier zu finden. Doch sie ist ein Mythos, ein bürgerliches Heiligtum, aufgeladen mit Werten und Bedeutung, zwar selten geliebt, aber doch als unantastbar und unverzichtbar gesehen.

Für die meisten Erwachsenen ist es eine demütigende Vorstellung, noch einmal „die Schulbank drücken zu müssen“. Doch die Konsequenz, Schule und Schulpflicht gründlich zu überdenken und zu ändern, wird daraus leider äußerst selten gezogen. Obwohl das Leiden an ihr, ihr Stress und ihre Langeweile bekannt sind, wird ihre Notwendigkeit eher vehement verteidigt. Eine Erklärung dafür wäre, dass die Erfahrung des Erlittenen besser mit der Vorstellung zu ertragen ist, dass es ohne dies garnicht geht. So wird dem Leiden lieber nachträglich ein Sinn gegeben. Möglich auch, daß es eine Angst vor einer veränderten Gesellschaft ist, zu der die vollzogene Anpassung nicht mehr passt.

Dazu kommt, das Erwachsene oft die Verbindung zu Kindern und zu ihrer eigenen Kindheit verlieren. Etwa zeitgleich mit dem Ende der Schulpflicht erreichen sie den Erwachsenenstatus und möchten damit die Vergangenheit vergessen und verdrängen. Nun gehören sie nicht mehr zu denen, die lernen müssen, sondern zu den fertigen Menschen, die alles wichtige schon wissen. Diese Distanzierung verstärkt natürlich eine lernfeindliche Haltung und ermöglicht ihnen, die schulischen Zwänge, die sie für sich selbst als unzumutbar sehen, bei Kindern für richtig zu halten.

Die Freude am Lernen wiederfinden ?

Es ist relativ einfach, etwas für die Kinder zu tun, damit sie die Freude am Lernen nicht verlieren. Vor allem akzeptieren, dass es ihr Lernen ist. Manchmal können wir es unterstützen, aber fast immer können wir vermeiden, es zu stören. Wir sollten sie nicht (r)unterrichten, doch manchmal können wir sie etwas aufrichten.

Nicht immer einfach ist es dagegen für uns Erwachsene, die Lernfreude wiederzufinden. Es gibt einen Weg, der für jeden anders ist, aber je nach Lebensgeschichte kann er lang und beschwerlich sein. Er fängt damit an, nichts mehr zu geben auf das Erwachsensein und Kontakt aufzunehmen mit dem Kind, das noch in dir steckt. Deinen weiteren Weg wird es dir zeigen.

Jobst Quis

1.Arno Gruen – Der Verrat am Selbst – dtv ISBN 3-423-08581-9

2.Ekkehard von Braunmühl – Zur Vernunft kommen – Beltz ISBN 3-407-34036-2

Die Herkunft der Freiheit

Hab ich schon vor einiger Zeit als philosophisches Gedicht geschrieben,
passt aber auch zur Bundestagswahl:

Die Herkunft der Freiheit

Weil es keine Lösung gibt,
die allen gerecht,

weil es keine Vollkommenheit gibt,
die erreichbar,

weil es keine Unschuld gibt,
die nicht auch Schuld,

haben wir die Wahl.
Nicht ob, sondern wie
wir etwas falsch machen.

Haben wir Freiheit.

Warum Kinder zu Tyrannen erklärt werden

Warum Kinder zu Tyrannen erklärt werden
und Mütter lieber doch nicht zur lebenden Schallplatte werden sollten

Eine Analyse von Jobst Quis

Nie hätte ich gedacht, dass ein schlechtes Buch mir so lange Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit bescheren könnte. Es heißt „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden – die Abschaffung der Kindheit“ und ist geschrieben von Michael Winterhoff, einem Kinderpsychiater. Inzwischen ist ein zweites Buch von ihm erschienen: „Tyrannen müssen nicht sein“. Beide Bücher sind im Spitzenfeld der Bestsellerlisten zu finden.

Die Bücher allein wären es nicht wert, sich länger damit zu beschäftigen. Noch jemand, der den Untergang des Abendlandes voraussieht, weil die Welt nicht mehr mit seinem veralteten Weltbild übereinstimmt, und deshalb zur Umkehr aufruft. Jemand, der auf seinen Expertenstatus als Kinderpsychiater pocht und doch unfähig oder unwillig ist, die Fachbegriffe im allgemein üblichen Sinne zu verwenden. Seine Hauptthese, dass Kinder tyrannisch und lebensuntüchtig werden, wenn Eltern partnerschaftlich mit ihnen umgehen, wird in der Praxis von einer Vielzahl von Kindern wiederlegt. Doch davon lassen sich weder Winterhoff noch seine Fans stören, es als der Weisheit letzten Schluß anzupreisen.

Die vorbehaltlose Begeisterung, die die Bücher bei den Medien und den Massen finden, macht klar, dass es nicht nur um die verschrobenen Ansichten eines Einzelgängers geht, sondern um eine gesellschaftliche Bewegung. Und zwar um eine reaktionäre Bewegung, die die Vorstellungen über Kinder wieder zurückbringen will auf den Stand der vorigen Jahrhunderte. Wenn wir aus Mitgefühl mit den Kindern dem entgegentreten wollen, brauchen wir eine Analyse, müssen wir uns einigen Fragen stellen. Wie kommt Winterhoff dazu, Kinder als Tyrannen zu bezeichnen? Warum findet er damit so breite Zustimmung? Woher kommt ganz allgemein der Hass gegen Kinder? Und wohin führen die Methoden und Grundsätze, die Winterhoff propagiert?

Theoriebasteleien

Für seine Theorie, warum Kinder zu ‚Tyrannen‘ werden, hat Winterhoff drei Schubladen für ‚Beziehungsstörungen‘ gebastelt, mit den Etiketten ‚Partnerschaftlichkeit‘, ‚Projektion‘ und ‚Symbiose‘. In jeder dieser Schubladen ist neben einigen allgemein anerkannten Störungen noch genug Platz, um ungeliebte abweichende Vorstellungen vom Umgang mit Kindern mit hineinzupacken, auch wenn sie keinerlei Probleme hervorrufen.

Partnerschaftlichkeit, also eine gleichberechtigte Beziehung mit gegenseitigem Respekt, ist für ihn schon generell eine Beziehungsstörung, wenn es um Kinder geht. Unbestritten ist es Überforderung und damit Störung, wenn Kindern Entscheidungen abverlangt werden, für die sie noch lange nicht reif sind. Doch das Recht bei der Gleichberechtigung bedeutet, entscheiden zu dürfen und nicht entscheiden zu müssen. Und wenn von Überforderung der Kinder die Rede ist, muss auch bedacht werden, das Kinder ja auch bei autoritärer Erziehung nicht frei sind von Entscheidungszwang. Sie müssen sich immer wieder entscheiden, ob und wieweit sie gehorchen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken, vielleicht die schwerste aller Entscheidungen.

Warum Winterhoff die zweite Schublade Projektion nennt, bleibt unklar. Eigentlich ist dies ein seelischer Mechanismus, der bewirkt, dass wir negativ bewertete Eigenschaften und Motive, die wir bei uns selbst oder uns nahe stehenden Personen nicht wahrhaben wollen, umso mehr bei anderen erkennen wollen. Denen wird dann unterstellt, was wir bei uns verdrängen.

Hier hinein steckt er alle, die ‚von Kindern geliebt werden wollen‘. Er hat recht, dass es nicht Aufgabe der Kinder ist, die Eltern zu lieben. Es tut Kindern auch nicht gut, wenn sich Eltern ihnen unterwerfen und sich von ihnen führen lassen. Das sagt sogar Jean Liedloff, die sonst eine ihm völlig entgegengesetzte Einstellung zu Kindern vertritt, in ihrem Artikel „Wer übernimmt die Führung?-Die unglückseligen Folgen, wenn sich alles ums Kind dreht.“

Doch Winterhoff interpretiert auch jegliches Verständnis und Mitgefühl für Kinder als ‚geliebt werden wollen‘. Auf die Beschwerde einer Mutter über Freunde, die sich in der Frage des Zu-Bett-Gehens mit ihrem Kind solidarisierten, antwortet er: „Viele Erwachsene wollen auch von anderen Kindern geliebt werden und somit auch von Ihrem. Und sie sehen sich in Ihrem Kind und empfinden damit Ihre gesunde Grenzsetzung als eine Eingrenzung ihrer selbst.“ Wenn sich die Freunde in die Lage des Kindes versetzen und so erkennen, was die Grenzsetzung für das Kind bedeutet, ist das Verständnis und Mitgefühl. Winterhoff stellt das auf den Kopf und diffamiert es als Projektion. Mit ‚geliebt werden wollen‘ hat Verständnis überhaupt nichts zu tun, es gibt auch ein allgemeines Verständnis für Menschen in einer bestimmten Lage, der konkrete Mensch muss also dem Verstehenden nicht mal bekannt sein.

Die dritte Schublade ‚Symbiose‘ ist für die schwersten Fälle. Zum Beispiel für Eltern, die Lehrern und Erziehern ‚in den Rücken fallen‘, also ihre Kinder auch noch unterstützen.“Im Rahmen der Symbiose verschmilzt der Erwachsene seine Psyche mit der des Kindes, er behandelt das Kind, als sei es Teil seines eigenen Körpers. Das heißt im übertragenen Sinn: positive Zuwendung an das Kind ist gleichsam auch positive Zuwendung an den Elternteil. Entsprechend ist Kritik am Kind auch Kritik am symbiotischen Erwachsenen.“ ->Sich über Zuwendung an das Kind zu freuen und von Kritik am Kind betroffen zu sein, ist jedoch ein ganz normaler Effekt von Liebe der Eltern zu ihrem Kind. Krankhaft wird es erst in den seltenen Fällen, wenn Eltern nicht mehr in der Lage sind, zwischen sich und dem Kind zu unterscheiden.

Um diesen Schubladen zu entgehen, ist also ein sehr distanziertes Verhältnis zu Kindern nötig, am besten ohne Respekt, ohne Verständnis und Mitgefühl, ohne Liebe. Das Kind muss ‚als Kind‘ gesehen werden, in eine traditionelle Rolle gedrängt werden, die ihnen von Erwachsenen zugeteilt wird, deren Verbindung zur eigenen Kindheit unterbrochen ist. „Sie finden sich in der gut gemeinten Freiheit überhaupt nicht zurecht“, lernen nur Eltern und Lehrern zuliebe, und sind zu nichts fähig, was ihnen Erwachsene nicht wiederholt eingetrichtert haben. Alles in allem genau das Bild vom Kind, das es Erwachsenen ermöglicht, jegliche Machtausübung gegenüber Kindern zu begründen.

Beschönigt wird dies noch durch das Motto „Kinder müssen Kind sein dürfen“. Als wäre es das Bedürfnis der Kinder, in diese Rolle des absolut Unfähigen gesteckt zu werden. Für ihre wahren Bedürfnisse, sie selbst zu sein, ihre eigenen Weltbilder zu entwickeln und ihre eigenen Wege zu gehen, bleibt da kaum noch Raum.

Kindern, die sich nicht so verhalten, wie er es erwartet, unterstellt er eine unterentwickelte Psyche. Dabei definiert er Psyche recht merkwürdig und eigenwillig. Aus einem Interwiew :

„Sehen Sie: Sie haben die gleiche Psyche wie ich, auch wenn wir unterschiedlich sind.“ … „Die individuellen Anteile sind für mich als Psychiater nicht relevant, die braucht man in einer Freundschaft oder Berufsberatung.“ … „Die Psyche hat zwei Bereiche. Das eine sind psychische Funktionen: Frustrationstoleranz, Gewissensinstanz, Arbeitshaltung, Erkennen von Gefühlen und so weiter. Diese Funktionen müssen Sie von klein auf dem Kind abverlangen und antrainieren. Eine Frustrationstoleranz kommt nicht automatisch, sondern darüber, dass das Kind lernt auszuhalten, abzuwarten. Der zweite Bereich sind Weltbilder. Unser Weltbild beruht auf der Vorstellung, wir seien Individuen im Rahmen einer Gesellschaft.“

Es geht bei ihm um Anforderungen der Gesellschaft ( oder Teilen der Gesellschaft) an Kinder oder Menschen allgemein oder auch um kulturelle Prägung. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Psyche, und die Psyche hat Auswirkungen darauf, ob diese Anforderungen erfüllt werden. Doch das mit der Psyche selbst zu verwechseln, ist etwa so, als würde man Pornographie und Sexualität verwechseln. Jeder Mensch hat eine Psyche, unabhängig davon, ob und welche Anforderungen erfüllt werden. Und jede Psyche ist individuell, sie ist das Ergebnis von ganz individuellen Gefühlserfahrungen, von Schmerz, Angst, Wut, Scham usw. Wenn das für einen Psychiater nicht relevant ist, dann sagt das etwas über ihn aus oder über seinen ganzen Berufsstand.

Was will Winterhoff?

Sein zweites Buch hat den Untertitel „Warum Erziehung nicht reicht“, seine Vorstellungen nennt er ganz modern ‚beziehungsorientierte Konzepte‘. In einem Interview taucht sogar die ursprünglich antipädagogische Parole ‚Beziehung statt Erziehung‘ auf. Das geht natürlich nur durch recht eigenwilliges Umdefinieren sowohl von Beziehung als auch von Erziehung.

Beziehungen zu Kindern sind für ihn nur eindeutig hierarchisch denkbar, in der Praxis eine ständige Kontrolle und Zurechtweisung. „Es ist viel wichtiger, dass ich Zeit habe für das Kind, nicht, um die gleich wieder zu füllen, sondern um es im Alltag zu begleiten, beim Zimmeraufräumen, Hausaufgaben machen, waschen.“ Zum Dank decken Kinder dann aus Liebe zu solchen Eltern den Tisch und lernen in der Schule aus Liebe zu solchen Lehrern. Kommt da niemand auf den Gedanken, dass hier vielleicht Liebe mit Furcht verwechselt wird?

Unter Erziehung versteht er nur deren rationalen Teil, das Lernen von Regeln und natürlich auch anderen Inhalten. Er lehnt solche Erziehung nicht ab, hält sie aber erst mit zunehmendem Alter für zweckmäßig. Mit Kindern zu diskutieren hält er für eher schädlich, weil er davon ausgeht, das Kinder eh kaum etwas verstehen können. „Einsichtsfähigkeit können Sie allerdings bei einer gesunden Reifeentwicklung erst mit 15, 16 Jahren voraussetzen.“

Worauf es ihm ankommt, ist das ‚Training der Psyche‘, also eigentlich auch Erziehung, aber psychisch-emotional. „Ihre Nervenzellen müssen zuerst trainiert werden und das geht nur durch Wiederholung, nicht durch Verstehen. Eine Mutter muss ihrem Kind vier Jahre lang jeden Tag sagen, dass es nach dem Essen seinen Teller wegräumen soll. Mütter müssen zur lebenden Schallplatte werden von morgens bis abends. Sonst werden die Nervenzellen nicht trainiert.“

Wohin führt sein Konzept?

Zweifellos ist ein solches ‚Training‘ wirksam. Auch ohne offensichtliche Gewalt hinterlässt eine solche Dauerberieselung mit Demütigungen in der kindlichen Seele tiefe Spuren, die meist nicht wieder verschwinden werden. Eingefahrene Gleise, die es nicht so leicht wieder verlassen kann. Vermutlich wird es spuren, wann immer jemand sich ähnlich wie seine Eltern verhält. In Gegenwart von ‚Respektspersonen‘ wird es unauffällig sein und reibungslos funktionieren. Es wird im Rahmen seiner geistigen Fähigkeiten lernen, was man ihm vorsetzt. Alles in allem also ein fast universell einsetzbares Rädchen im Getriebe.

Bei soviel Licht gibt es natürlich auch Schatten. Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat sich intensiv mit diesen Schattenseiten des Gehorsams auseinandergesetzt, u.a. in seinen Büchern „Der Verrat am Selbst“ und „Der Verlust des Mitgefühls“. Unter Selbst ist der angeborene Kern zu verstehen, der sich zum Ich entfaltet, dazu gehören z.B. die körperlichen Empfindungen und Gefühle. Bei soviel Training zur Fremdbestimmung wird das Selbst zur Quelle von Störungen im Verhältnis zu den Eltern und zur gesellschaftlichen Macht, die sie vertreten. Wenn das Kind seinen eigenen Empfindungen folgt, bekommt es Ärger mit den Eltern. Das hat zur Folge, das irgendwann das Kind sein Selbst verrät, sich selbst unterdrückt, um die überlebenswichtige Beziehung zu den Eltern nicht zu gefährden.

Daraus folgt ein psychologischer Mechanismus, die ‚Identifikation mit dem Aggressor‘. Nach all den Niederlagen will das Kind auf der Seite der Starken sein, es identifiziert sich mit der Macht, unter der es gelitten hat. Das kann Vater oder Mutter persönlich sein, aber auch die anonyme Macht des ‚man‘, der gesellschaftlichen Ordnung, der sich auch die Eltern unterworfen haben.

Das verratene und unterdrückte Selbst verschwindet nicht, aber es wird abgespalten und zusammen mit den ursächlichen Schmerz- und Ohnmachtserfahrungen ins Unterbewusste verdrängt. Dies ist der Grund, warum so viele Erwachsene kaum noch Erinnerungen an ihre Kindheit haben, insbesondere an ihre damalige Gefühlswelt. Mit dem Selbst geht auch das Mitgefühl für andere verloren. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt es, aber wie soll das gehen für jemanden, der sich selbst hasst? Er kann höchstens ‚lieb sein‘ zur bedrohlichen Macht, um des ‚lieben Friedens‘ willen.

Inneren Frieden werden so Erzogene jedoch nicht finden. Frustrationen eine Weile auszuhalten, kann trainiert werden. Doch die Frustrationen selbst bleiben, sie suchen sich einen Ausweg in Aggression und Hass. Sie richten sich gegen alles, was nicht unter dem Schutz der Macht steht, mit Vorliebe gegen Menschen, die anders sind: andere Nation, andere Rasse, andere Kultur. Besonders auch gegen alles, was sich schwach zeigt, weil Schwäche wieder an den Schmerz der eigenen Schwäche zu erinnern droht, die sie erlebt und nur mühsam wieder verdrängt haben.

Hierin liegt auch die wesentliche Ursache ihres Hasses gegen Kinder, besonders gegen diejenigen, die ihr Selbst noch nicht aufgegeben haben. Das, was sie erlitten haben, ist am besten zu ertragen in dem Glauben, dass es anders gar nicht geht. So spüren sie einen inneren Drang, das selbst Erfahrene an Anderen zu wiederholen. Also Kinder so zu erziehen, wie sie selbst erzogen wurden, oder auch zu solcher Erziehung aufzufordern. Winterhoff nennt so etwas dann ‚Intuition‘.

Sein Einhämmern von gesellschaftlichen Normen ist eine Form von Sozialisation, der Tradierung von Kultur von einer Generation zur nächsten, doch nicht die einzig mögliche. Die andere geht über Lernen und Verstehen aus eigenem Antrieb der Kinder. Mischformen sind auch möglich, doch gerade das ist oft eine Quelle von Störungen, da die Prinzipien gegeneinander wirken. Die freie Entwicklung ist ohne Vertrauen nicht möglich, die Psychodressur nicht ohne Kontrolle. Die Dressur kann schneller Erfolge vorweisen und die Inhalte brauchen weder Sinn noch Begründung. Doch geht das nur um den Preis der geistigen Freiheit und Flexibilität.

Einem Kind beispielsweise Höflichkeitsrituale einzuimpfen, ist Sache von wenigen Jahren – ein sich frei entwickelndes Kind wird vielleicht erst nach der Pubertät so höflich sein. Dann aber nicht aus einem inneren Zwang heraus, weil ,man‘ es eben so macht, sondern weil es Verständnis und Taktgefühl für die Mitmenschen entwickelt hat. Dieses ermöglicht ihm, auch mit Kulturen zurecht zu kommen, die andere Normen und Rituale erwarten. Ein dressiertes Kind dagegen wird andere Normen und Rituale immer als falsch empfinden, wenn sie denen widersprechen, die ihm eingeprägt wurden.

Bei der freien Entwicklung ist die Sozialisation ein normaler Lerninhalt, deshalb kann sie durch einfaches Lernen verändert, erweitert und auch relativiert werden, gesellschaftlicher Wandel ist kein Problem. Beim Winterhoff’schen ‚Training‘ wird sie fest in emotionalen Strukturen verankert, die nur sehr schwierig und langsam zu ändern sind. Abweichungen von dem, was die Eltern immer wieder als gut und richtig eingeimpft haben, sind mit Angst besetzt, z.B. vor Liebesentzug oder dem Ärger weiterer Zurechtweisungen. Diese Angst ist meist nicht bewußt, sondern verborgen, lenkt und begrenzt aber dennoch Handlungen und Gedanken.

Bei solcher Angst im Hintergrund gibt es geistige Freiheit nur noch auf Gebieten, die kaum etwas mit den Erziehungsinhalten zu tun haben, beispielsweise in der höheren Mathematik . ‚Was sein muss‘, ist sonst als Ergebnis eines Gedankengangs schon vorher festgelegt, was nicht sein darf‘ ist angstbesetztes Sperrgebiet. Eine ‚trainierte‘ Seele wird zB über die Notwendigkeit von Schule oder Zähneputzen nicht ergebnisoffen nachdenken können.

Dadurch sind die Normen und Werte lebenslänglich fixiert, ähnlich den angeborenen Instinkten. Es ist eine statische Anpassung, alles wäre wunderbar, wenn alles bliebe wie es war. Doch in einer sich wandelnden Gesellschaft und Umwelt wird es zur Fehlanpassung. Die emotional fixierten Menschen finden sich mit der veränderten Realität nicht mehr zurecht, da sie immer noch die Welt erwarten, an die sie angepasst wurden. Das führt zu Frustrationen, Aggressionen und irgendwann zu reaktionären Bewegungen, zu Versuchen, die Welt wieder anzupassen an die veralteten Weltbilder.

Winterhoff selbst ist mit seinen Werken und Auftritten ein Beispiel, wohin diese Art von Erziehung führt. Ein ganzes langweiliges Kapitel seines zweiten Buches beschäftigt er sich damit, welche ‚Kommunikationsstörungen‘ sich ergeben, wenn nicht ‚das Kind als Kind‘ in seinem Sinne gesehen wird. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass nicht jeder mit gleichen Begriffen das gleiche meint. Unterschiedliche Weltbilder sind keine Störung der Kommunikation, sondern gerade der Anfang zu wirklicher Kommunikation. Wenn alle die Welt gleich sehen würden, würde Kommunikation reduziert auf gegenseitige Bestätigung.

Sein Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass es viele Menschen gibt, die ähnlich erzogen wurden, die Bestätigung für ihr Weltbild wollen und nicht Kommunikation, die es verändern könnte. Da gibt es einerseits eine erschreckende Gewalttätigkeit unter Jugendlichen, die manchmal wirklich tyrannisch ist. Und es gibt das Unbehagen, wenn Kinder sich anders verhalten und/oder anders behandelt werden als sie selbst in ihrer Kindheit. Auch wenn das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat, da die jugendlichen Gewalttäter meist autoritär erzogen sind, assoziiert Winterhoff einen solchen Zusammenhang. Und das macht seine Thesen attraktiv für Leute, die schon immer geahnt haben, dass das nicht gut gehen kann, wenn man vom einzig richtigen Weg abweicht.

Warum werden Kinder als Tyrannen empfunden?

Das Wort ‚Tyrann‘ war ursprünglich eine griechische Bezeichnung für Herrscher allgemein. Später bekam es die spezielle Bedeutung von Gewaltherrscher aus persönlicher Willkür. Was sind das nun für Kinder, die von Winterhoff als ‚Tyrannen‘ bezeichnet werden? Sehen wir uns mal ein Fallbeispiel genauer an. Erstmal aus der Sicht einer Lehrerin:

„Normalerweise fordere ich die Kinder einmal auf, ihre Mappen aus dem Schulranzen zu holen und auf den Tisch zu legen, damit ich mir die Aufgaben anschauen kann. Bei Philipp klappt das so gut wie nie nach der ersten Aufforderung. Kürzlich schaute er mich nach der Wiederholung meiner Bitte an und fragte nur ,Warum?‘, woraufhin ich geduldig erklärte: ,Weil wir jetzt die Hausaufgaben kontrollieren.‘ Passiert ist in diesem Moment gar nichts, keinerlei Reaktion des Siebenjährigen. Naturgemäß wird man in so einem Moment leicht ungeduldig, da ich solche Situationen kenne, bitte ich ihn aber noch ein drittes Mal, nun endlich die Mappe aus dem Tornister zu holen. Was antwortet mir dieses Kind? ,Nö, keine Lust!‘ Da ich diese Verweigerungshaltung nicht akzeptieren will, versuche ich also weiter, Philipp dazu zu bewegen, mir seine Hausaufgaben zu zeigen. Das Resultat ist, dass das Kind aufsteht und sich ohne einen weiteren Kommentar unter den Tisch setzt. Er hat sich dann die komplette Stunde nicht dort wegbewegt, ich konnte ihn nicht dazu bringen, sich wieder hinzusetzen und in der Klasse mitzuarbeiten.“

Also ein Kind, das nach Sinn und Begründung einer Aufforderung an ihn fragt, darauf eine völlig unzureichende Antwort bekommt und sich daraufhin weigert, der Aufforderung nachzukommen. Doch was sagt Winterhoff dazu?

„Der Siebenjährige ist erkennbar in einer Phase des frühkindlichen Narzissmus gefangen, er kennt nur sich selbst, seine Bedürfnisse im jeweiligen Moment, und ist völlig außerstande, auf Anforderungen der Außenwelt zu reagieren.“

Erkennbar ist hier, dass es Winterhoff nicht um das Kind geht, sondern um seine Vermutung, dass Kinder, die nicht unauffällig und bedingungslos gehorchen, psychisch zurückgeblieben sind. Natürlich reagiert Philipp auf Anforderungen der Außenwelt, nur eben nicht so wie es gewünscht wird. Nach meinem Empfinden ist er zumindest in puncto Mut und Selbstbewusstsein weiter als seine Mitschüler, sonst würde er die Auseinandersetzung mit der Lehrerin nicht wagen.

„Seine Verweigerungshaltung gegenüber der Lehrerin ist also keine gewollte Bösartigkeit, um diese zu verletzen, sondern Philipp erkennt schlicht in seiner Lehrerin kein Gegenüber, das für ihn von irgendeiner Bedeutung wäre.“

Darin steckt die Anklage, dass er die Lehrerin verletzt hätte, obwohl er nichts getan hat außer sich zu verweigern. Gnädigerweise spricht Winterhoff ihn zumindest von der gewollten Bösartigkeit frei, doch um den Preis, dass er ihm den Willen abspricht und ihm krankhafte Unfähigkeit unterstellt.

Hier zeigt sich auch Winterhoffs Grundeinstellung gegenüber Kindern. Er sieht sie nicht als Subjekte mit eigenem Willen und eigenen Vorstellungen, sondern als beliebig programmierbare Objekte. Wenn sie nicht reibungslos funktionieren, sind sie defekt, weil falsch programmiert. Das erspart ihm, sich um Verständnis zu bemühen, zu überlegen, warum das Kind nicht blind gehorchen will.

Von der gesamten Situation der gestörten Beziehung zwischen Philipp, seiner Lehrerin und dem Schulsystem sieht er nur das Kind als gestört und beziehungsunfähig. An der Lehrerin kritisiert er nur, dass sie sich nicht genug Respekt verschafft, wie, das lässt er offen. Das ganze System von Schule, Hausaufgaben, Gehorsam und Kontrolle wird als selbstverständlich vorausgesetzt und ist völlig außerhalb des Blickfelds, nicht nur unantastbar, sondern auch undiskutierbar.

„Aus diesem Grunde hat auch die Aufforderung, seine Hausaufgaben vorzulegen, für ihn keine Bedeutung, denn er ist nicht in der Lage, die Lehrerin als Respektsperson zu erkennen.“

Was ist eine Respektsperson? Anscheinend eine Person, der ohne Rückfrage zu gehorchen ist. Kein Wunder, dass ‚Respekt‘ und ‚Respektlosigkeit‘ in beiden Büchern zwar häufig vorkommt, dabei jedoch nie von Respekt gegenüber Kindern oder von gegenseitigem Respekt die Rede ist. Das respektlose ‚kein Gegenüber erkennen‘ im Anderen, das er bei Kindern immer wieder als ‚Tyrannei‘ und psychischen Defekt gebrandmarkt, wird im umgekehrten Verhältnis als selbstverständlich und normal angenommen.

Dabei ist Respekt genau das, was Philipp von seiner Lehrerin einfordert. Er möchte nicht einfach als Automat gesehen werden, der zu funktionieren hat, sondern als Wesen, das ein Recht hat auf Begründungen und Sinnzusammenhänge für das, was es tun soll. Wenn an mich jemand Forderungen stellt, will ich sie auch begründet sehen, und dann erst entscheiden, ob ich sie erfülle. Und wenn das nicht respektiert wird, hätte ich auch ‚keine Lust‘.

„Darüber hinaus überzeugt er sich wieder und wieder davon, dass er die Lehrerin in der Hand hat mit jedem weiteren Versuch, ihn zu etwas zu bewegen, stellt diese sich seinen Steuerungsversuchen zur Verfügung …“

Wer will hier eigentlich wen steuern? Eigentlich müsste doch klar sein, dass es hier die Lehrerin ist, die die Kinder steuern will, sie in diesem Fall dazu bringen will, ihre Mappen vorzulegen. Natürlich nicht so sehr aus persönlicher Machtgier, sondern weil sie es als ihre gesellschaftliche Aufgabe sieht. Ihr Dilemma ist, dass sie die Verweigerung als nicht hinnehmbare persönliche Niederlage empfindet, eben weil sie es als völlig normal ansieht, Kinder steuern zu können.

Philipp weigert sich, sich steuern zu lassen, sich der Macht zu unterwerfen. Würde er sich denn unter dem Tisch verkriechen, wenn es sein Interesse wäre, die Lehrerin zu steuern? Dort hat er die Lehrerin nicht im Blick, und angenehm ist weder der Ort noch die ständigen Versuche der Lehrerin, ihn zurückzuholen. Wenn er schon nicht respektiert wird, will er wenigstens in Ruhe gelassen werden. Dabei ist einzige Befriedigung für ihn das Gefühl, zu sich selbst zu stehen.

Wie kommt es nun angesichts eines Kindes, das nichts weiter tut, als sich zu verweigern, zu der Assoziation eines verletzenden Gewaltherrschers? Zweifellos bringt Philipp die Lehrerin in Schwierigkeiten. Doch die Macht, von der sie unter Druck gesetzt wird, ist nicht seine, sondern die verdrängte gesellschaftliche Macht ihrer eigenen Erziehung. Wenn sie normal im Winterhoffschen Sinne erzogen ist, wurde ihr diskussionslos immer wieder eingeprägt, was richtig und was falsch ist, was sein muss und was nicht sein darf. Schule muss sein, Hausaufgaben müssen sein, Kontrolle muss sein. Darüber wird nicht diskutiert, das darf nicht infrage gestellt werden.

Es muss auch sein, dass Kinder den Lehrern gehorchen. Die Situation der Verweigerung ist in ihrem Weltbild nicht vorgesehen, damit kommt sie nicht zurecht, sie empfindet es als ihr persönliches Versagen. Im Konflikt zwischen Philipp und der verdrängten Macht kann sie sich von der Macht nicht abgrenzen. Also bleibt nur das Kind als mögliche Ursache ihrer unangenehmen Lage, sie fühlt sich von ihm angegriffen und verletzt.

Bei den anderen Fallbeispiele ist das Prinzip ähnlich. Kinder sind anders als sie sein sollten, zu Engstirnigkeit erzogene Erwachsene haben Probleme damit und erklären sie deshalb zu Tyrannen, auch wenn sie eigentlich nur Verweigerer oder Rebellen sind. Hier ist der Begriff ‚Projektion‘ wirklich angebracht, sogar in seinem Extremfall, dem Prinzip Sündenbock.

Wie umgehen mit dieser reaktionären Bewegung ?

Kinder werden zu Tyrannen erklärt aus einer Verlogenheit heraus, die keiner bösen Absicht entspringt, sondern inneren psychischen Zwängen, der Unterwerfung unter eine Macht, die dann als Normalität verdrängt wird. Da dies kein individuelles Schicksal ist, sondern ein kulturelles, ist auch die Verlogenheit keine individuelle, sondern eine kollektive, die sich gegenseitig bestätigt. Diese Verlogenheit aufzudecken und Klarheit zu schaffen ist die erste Notwendigkeit gegen die neue Welle der Kinderfeindlichkeit.

Die zweite Notwendigkeit ist, die Kinder vor den psychischen Deformationen zu bewahren, die zu Engstirnigkeit und eben dieser Verlogenheit führen. Also genau die Art von Erziehung zu vermeiden, die Winterhoff als Lösung seiner Probleme anpreist.

Es mag sein, dass durch solche Erziehung viele kleine Katastrophen wie unaufgeräumte Zimmer, schwarze Fingernägel oder geschwänzte Schulstunden vermieden werden können. Doch große Katastrophen wie der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg wurden nicht nur nicht verhindert, sondern geradezu durch das reibungslose Funktionieren erst ermöglicht. Die allererste Forderung an Erziehung von Adorno, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“, erfüllt sie jedenfalls nicht, sie ist mit der Erziehung vor Auschwitz identisch.

Jobst Quis

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