Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wenn die Wirtschaft Flexibilität und lebenslanges Lernen fordert, ist es richtig, diese Forderungen zurückzuweisen. Jedoch nicht, weil diese Ideale falsch wären, sondern weil sie mit dem Anspruch verbunden sind, dass alle Lebensbereiche wirtschaftlichen Interessen und Erwägungen zu unterwerfen sind. Im Prinzip ist es eine Drohung und vorweggenommene Schuldzuweisung: Wenn du deinen Arbeitsplatz oder deine soziale Stellung verlierst, bist du selbst schuld, weil du nicht flexibel und lernwillig genug bist.

Doch die Bereitschaft, sich mit ungewohnten Situationen und Anforderungen auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen, hat nicht nur für die Wirtschaft ihren Wert, sondern für das Leben und Überleben allgemein. Sie kann sogar dazu beitragen, sich von der Wirtschaft unabhängiger zu machen, sich ihren Zwängen zu entziehen und die Überlebenschancen zu verbessern, falls sie zusammenbrechen sollte.

Bei kleinen Kindern gibt es keinen Mangel an Flexibilität und Lernbereitschaft. Für sie ist Lernen noch Lust und pure Lebensfreude. Sie lernen u.a. krabbeln, gehen, laufen und sprechen, ohne dass jemand ihnen das beibringen könnte. Das Lernen und die Freude daran ist den Menschen also angeboren. Wenn es nun bei den meisten Erwachsenen einen Mangel daran gibt, stellt sich die Frage, wo denn die Lernfreude geblieben ist, wo und wie sie auf dem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen verlorengegangen ist. Und ob es eine Chance gibt, sie wiederzufinden.

Das erste Lernen von Säuglingen und Kleinkindern erfolgt größtenteils selbstbestimmt, aus eigenem angeborenen Antrieb. Dieses Glück verdanken sie oft ihrer noch eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit. Noch kann ihnen keiner sagen, was sie lernen MÜSSEN, wie unfähig sie sind, und was alles falsch ist an dem, was sie machen. Mißerfolge sind noch keine Fehler, für die man sich schämen muss. Sie sind lediglich Gründe, es anders zu versuchen. Und so wird probiert und probiert, bis es funktioniert. Der Erfolg ist dann ungeteilt ein eigener, kein Erzieher kann ihn als Folge seiner Ratschläge und Eingriffe beanspruchen.

Manche Menschen können sich diese Art zu lernen für ihr ganzes Leben bewahren. Wenn sie sich für irgendetwas interessieren, beschäftigen sie sich solange damit, bis sie es können. Man nennt sie Autodidakten, also Selbstbeibringer, und schon diese spezielle Bezeichnung macht klar, dass es nicht als normal angesehen wird. Es ist so, als würde man Menschen, die zum Essen keine fremde Hilfe brauchen, Selbstfütterer nennen.

Als normal wird angesehen, dass es zum Lernen Lehrer oder Erzieher braucht, die mit Druck oder Anreizen zum Lernen motivieren, die Lernziele bestimmen oder vermitteln und den Lernprozeß lenken. Vermutlich trägt der Mangel der Erwachsenen an eigener Lernmotivation zu dieser Vorstellung bei. Später, wenn den meisten Schülern die Lust am Lernen vergangen ist, wird dies auch noch als Bestätigung dafür gesehen, dass Kinder ohne Druck von außen nichts lernen würden. Da es aufgrund der Schulpflicht nur wenige Menschen gibt, die das Glück hatten, ihr Lernen selbstbestimmt gestalten zu dürfen, gibt es auch nur wenige Beispiele dafür, dass die Freude am Lernen selbstverständlich sein könnte und zwar unabhängig vom Alter.

Zwischen Anpassung und Rebellion

Mit dem Erwerb der Sprache ist das Kleinkind weit stärker als vorher mit der umgebenden Kultur verbunden. Einerseits kann es dadurch seine Lernmöglichkeiten enorm erweitern. Es kann Fragen stellen, sich Erklärungen anhören und mehr und mehr auch Gespräche verstehen, die zwischen anderen stattfinden. Andererseits ist es weit mehr als vorher Einflüssen und Zugriffen auf seine Seele ausgesetzt, die sein Lernverhalten empfindlich stören können. Zwar kann es schon vorher schlecht behandelt und dadurch geschädigt werden, doch erst mit dem Antworten-können kann es dafür wirklich verantwortlich gemacht werden.

Damit sind die Türen offen für Fremdbestimmung und Erziehung, für das Bedürfnis der Erwachsenen, Kinder nach ihren eigenen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu formen, sich und die Gesellschaft in ihnen zu reproduzieren. Es wird gelobt und getadelt, versprochen und gedroht, zurechtgewiesen, kontrolliert, beschämt und gedemütigt, um das Verhalten der Kinder dem Idealbild anzunähern. Das kann die Kinder in schwere innere Konflikte mit ihrer Eigenmotivation bringen. Die Aufgabe ist nicht mehr allein, sich selbst und die Welt kennenzulernen und sich damit auf die Welt einzustellen. Sie werden mit Forderungen konfrontiert, die nur erfüllbar sind, wenn sie sich gegen sich selbst wenden, gegen die eigene Natur, die sie bis dorthin gebracht hat. Das Schlimmste daran ist, dass diese Forderungen noch ausgerechnet von den Menschen kommen, von deren Unterstützung und Zuwendung sie abhängig sind.

Je nach Härte des Konflikts und der Vorerfahrungen der Kinder entscheiden sie sich ganz unterschiedlich. Viele wählen den Weg, den der Psychoanalytiker Arno Gruen als „Der Verrat am Selbst“ beschreibt. Er beruht auf einem psychischen Mechanismus, der „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt wird. Aus Angst vor der Macht der Eltern und der Gesellschaft geben sie ihr Selbst auf und suchen sich eine neue Identität als Teil dieser Macht. Sie werden brav und gehorsam und versuchen zu lernen, was von ihnen verlangt wird.

Doch dieses Lernen unterscheidet sich grundsätzlich vom ursprünglichen selbstbestimmten Lernen. Die Verbindung zum unterdrückten Selbst ist reduziert bis unterbrochen und so fehlt zweierlei. Erstens das Interesse ( das Gefühl dafür, was sich zu lernen lohnt) und zweitens die Freude (das Gefühl, mit dem, was man tut, auf dem richtigen Weg zu sein ). Nicht mehr die Freude bestimmt das Leben, sondern ihr Gegenteil, die Angst. Denn die Angst vor der Macht wird durch den Verrat am Selbst zwar besänftigt, doch sie verschwindet nicht, bestenfalls bleibt sie im Hintergrund. Es geht nicht mehr um die Freude am Erweitern der Fähigkeiten, sondern nur noch um das Vermeiden von angstauslösenden Situationen.

Andere Kinder entscheiden sich für Rebellion, für Kampf und Widerstand gegen Erziehung und Gesellschaft. Damit erhalten sie sich zwar die Verbindung zu ihrem Selbst und prinzipiell auch zu ihrer Lebensfreude, doch kommen sie selten dazu, sie zu genießen, da sie sich fast ständig im Kampf befinden. Es fällt ihnen leicht, außergewöhnliches oder von Eltern und Gesellschaft unerwünschtes zu lernen. Doch sind sie oft blockiert, das zu lernen, was von ihnen verlangt oder erwartet wird, da sie Anpassung oder Gehorsam als Verrat empfinden.

Ein weiterer Weg, auf den Konflikt zwischen Selbst und Forderungen von Außen zu reagieren, ist der ständige Wechsel zwischen Anpassung und Rebellion. Im Alltag regiert die Disziplin, doch nach Feierabend, zum Wochenende oder einmal im Quartal wird dann ‚die Sau rausgelassen‘, das unterdrückte, zu kurz gekommene Selbst, das sich dann oft – von der Vernunft getrennt – als Sucht darstellt. Die Lernproblematik dabei ist eine Kombination des angepassten, interesse- und freudlosen Lernens im Alltag und des rebellischen Lernens in der Suchtphase.

Wie Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch „Zur Vernunft kommen“ klarstellt, liegen die größten Behinderungen und Beschränkungen der Vernunft im psychischen Bereich. Die Seele hat die Macht, Gedanken zu blockieren oder zu fördern. Er zieht daraus die Konsequenz, dass mit den Seelen schonend umzugehen ist, sowohl mit der eigenen als auch mit denen der Mitmenschen, also auch der Kinder.

Wissenslager und Lernfabriken

Doch es gibt auch Lernprobleme, die mehr kognitiver Art sind, die auch dann auftreten können, wenn Eltern mit der Seele ihrer Kinder schonend umgehen und die oben genannten Konflikte vermeiden. Zum Beispiel der Lernstau durch zuviele Lernanreize. Gerade wenn Eltern von den Lernerfolgen ihrer Sprößlinge überrascht sind, glauben sie oft, sie müßten die Chance nutzen und ihnen noch viel mehr zum Lernen anbieten. Der falsche Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ verleitet sie dazu. Doch ein Zuviel an zu Lernendem hat denselben Effekt wie Ware in den Gängen eines Warenlagers, es ist ständig im Weg.

Bei einem Bewußtsein ist es wie bei einem Warenlager garnicht so entscheidend, wieviel drin ist, sondern ob und wie schnell das zu finden ist, was gebraucht wird. Ebenso ist von Bedeutung, wie leicht und schnell neue Erkenntnisse und neues Wissen eingeordnet werden können. Lernen ist also nicht nur das Ansammeln von Wissen, sondern auch die Suche nach einer optimalen Organisation dieses Wissens. Die erfordert aber immer wieder Umstrukturierungen, die bei ständigem Leistungsdruck garnicht möglich sind. Bei selbstbestimmt Lernenden sind das die scheinbar unproduktiven Phasen, die sich mit lernintensiven Phasen abwechseln.

Kommen wir zur Schule, dem Ort, an dem angeblich das eigentliche Lernen stattfindet, der Institution, die genau diesem Zweck gewidmet ist. Nichts gegen Lernorte, wo sich Menschen jeden Alters zum Lernen treffen können. Doch die bestehende Schule mit Anwesenheitspflicht, Lehrplänen, Klassensystem und Benotung ist eher zum Abgewöhnen des Lernens geeignet. Alle oben aufgeführten Behinderungen des Lernens und der Freude daran sind auch hier zu finden. Doch sie ist ein Mythos, ein bürgerliches Heiligtum, aufgeladen mit Werten und Bedeutung, zwar selten geliebt, aber doch als unantastbar und unverzichtbar gesehen.

Für die meisten Erwachsenen ist es eine demütigende Vorstellung, noch einmal „die Schulbank drücken zu müssen“. Doch die Konsequenz, Schule und Schulpflicht gründlich zu überdenken und zu ändern, wird daraus leider äußerst selten gezogen. Obwohl das Leiden an ihr, ihr Stress und ihre Langeweile bekannt sind, wird ihre Notwendigkeit eher vehement verteidigt. Eine Erklärung dafür wäre, dass die Erfahrung des Erlittenen besser mit der Vorstellung zu ertragen ist, dass es ohne dies garnicht geht. So wird dem Leiden lieber nachträglich ein Sinn gegeben. Möglich auch, daß es eine Angst vor einer veränderten Gesellschaft ist, zu der die vollzogene Anpassung nicht mehr passt.

Dazu kommt, das Erwachsene oft die Verbindung zu Kindern und zu ihrer eigenen Kindheit verlieren. Etwa zeitgleich mit dem Ende der Schulpflicht erreichen sie den Erwachsenenstatus und möchten damit die Vergangenheit vergessen und verdrängen. Nun gehören sie nicht mehr zu denen, die lernen müssen, sondern zu den fertigen Menschen, die alles wichtige schon wissen. Diese Distanzierung verstärkt natürlich eine lernfeindliche Haltung und ermöglicht ihnen, die schulischen Zwänge, die sie für sich selbst als unzumutbar sehen, bei Kindern für richtig zu halten.

Die Freude am Lernen wiederfinden ?

Es ist relativ einfach, etwas für die Kinder zu tun, damit sie die Freude am Lernen nicht verlieren. Vor allem akzeptieren, dass es ihr Lernen ist. Manchmal können wir es unterstützen, aber fast immer können wir vermeiden, es zu stören. Wir sollten sie nicht (r)unterrichten, doch manchmal können wir sie etwas aufrichten.

Nicht immer einfach ist es dagegen für uns Erwachsene, die Lernfreude wiederzufinden. Es gibt einen Weg, der für jeden anders ist, aber je nach Lebensgeschichte kann er lang und beschwerlich sein. Er fängt damit an, nichts mehr zu geben auf das Erwachsensein und Kontakt aufzunehmen mit dem Kind, das noch in dir steckt. Deinen weiteren Weg wird es dir zeigen.

Jobst Quis

1.Arno Gruen – Der Verrat am Selbst – dtv ISBN 3-423-08581-9

2.Ekkehard von Braunmühl – Zur Vernunft kommen – Beltz ISBN 3-407-34036-2

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Die Herkunft der Freiheit

Hab ich schon vor einiger Zeit als philosophisches Gedicht geschrieben,
passt aber auch zur Bundestagswahl:

Die Herkunft der Freiheit

Weil es keine Lösung gibt,
die allen gerecht,

weil es keine Vollkommenheit gibt,
die erreichbar,

weil es keine Unschuld gibt,
die nicht auch Schuld,

haben wir die Wahl.
Nicht ob, sondern wie
wir etwas falsch machen.

Haben wir Freiheit.

Warum Kinder zu Tyrannen erklärt werden

Warum Kinder zu Tyrannen erklärt werden
und Mütter lieber doch nicht zur lebenden Schallplatte werden sollten

Eine Analyse von Jobst Quis

Nie hätte ich gedacht, dass ein schlechtes Buch mir so lange Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit bescheren könnte. Es heißt „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden – die Abschaffung der Kindheit“ und ist geschrieben von Michael Winterhoff, einem Kinderpsychiater. Inzwischen ist ein zweites Buch von ihm erschienen: „Tyrannen müssen nicht sein“. Beide Bücher sind im Spitzenfeld der Bestsellerlisten zu finden.

Die Bücher allein wären es nicht wert, sich länger damit zu beschäftigen. Noch jemand, der den Untergang des Abendlandes voraussieht, weil die Welt nicht mehr mit seinem veralteten Weltbild übereinstimmt, und deshalb zur Umkehr aufruft. Jemand, der auf seinen Expertenstatus als Kinderpsychiater pocht und doch unfähig oder unwillig ist, die Fachbegriffe im allgemein üblichen Sinne zu verwenden. Seine Hauptthese, dass Kinder tyrannisch und lebensuntüchtig werden, wenn Eltern partnerschaftlich mit ihnen umgehen, wird in der Praxis von einer Vielzahl von Kindern wiederlegt. Doch davon lassen sich weder Winterhoff noch seine Fans stören, es als der Weisheit letzten Schluß anzupreisen.

Die vorbehaltlose Begeisterung, die die Bücher bei den Medien und den Massen finden, macht klar, dass es nicht nur um die verschrobenen Ansichten eines Einzelgängers geht, sondern um eine gesellschaftliche Bewegung. Und zwar um eine reaktionäre Bewegung, die die Vorstellungen über Kinder wieder zurückbringen will auf den Stand der vorigen Jahrhunderte. Wenn wir aus Mitgefühl mit den Kindern dem entgegentreten wollen, brauchen wir eine Analyse, müssen wir uns einigen Fragen stellen. Wie kommt Winterhoff dazu, Kinder als Tyrannen zu bezeichnen? Warum findet er damit so breite Zustimmung? Woher kommt ganz allgemein der Hass gegen Kinder? Und wohin führen die Methoden und Grundsätze, die Winterhoff propagiert?

Theoriebasteleien

Für seine Theorie, warum Kinder zu ‚Tyrannen‘ werden, hat Winterhoff drei Schubladen für ‚Beziehungsstörungen‘ gebastelt, mit den Etiketten ‚Partnerschaftlichkeit‘, ‚Projektion‘ und ‚Symbiose‘. In jeder dieser Schubladen ist neben einigen allgemein anerkannten Störungen noch genug Platz, um ungeliebte abweichende Vorstellungen vom Umgang mit Kindern mit hineinzupacken, auch wenn sie keinerlei Probleme hervorrufen.

Partnerschaftlichkeit, also eine gleichberechtigte Beziehung mit gegenseitigem Respekt, ist für ihn schon generell eine Beziehungsstörung, wenn es um Kinder geht. Unbestritten ist es Überforderung und damit Störung, wenn Kindern Entscheidungen abverlangt werden, für die sie noch lange nicht reif sind. Doch das Recht bei der Gleichberechtigung bedeutet, entscheiden zu dürfen und nicht entscheiden zu müssen. Und wenn von Überforderung der Kinder die Rede ist, muss auch bedacht werden, das Kinder ja auch bei autoritärer Erziehung nicht frei sind von Entscheidungszwang. Sie müssen sich immer wieder entscheiden, ob und wieweit sie gehorchen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken, vielleicht die schwerste aller Entscheidungen.

Warum Winterhoff die zweite Schublade Projektion nennt, bleibt unklar. Eigentlich ist dies ein seelischer Mechanismus, der bewirkt, dass wir negativ bewertete Eigenschaften und Motive, die wir bei uns selbst oder uns nahe stehenden Personen nicht wahrhaben wollen, umso mehr bei anderen erkennen wollen. Denen wird dann unterstellt, was wir bei uns verdrängen.

Hier hinein steckt er alle, die ‚von Kindern geliebt werden wollen‘. Er hat recht, dass es nicht Aufgabe der Kinder ist, die Eltern zu lieben. Es tut Kindern auch nicht gut, wenn sich Eltern ihnen unterwerfen und sich von ihnen führen lassen. Das sagt sogar Jean Liedloff, die sonst eine ihm völlig entgegengesetzte Einstellung zu Kindern vertritt, in ihrem Artikel „Wer übernimmt die Führung?-Die unglückseligen Folgen, wenn sich alles ums Kind dreht.“

Doch Winterhoff interpretiert auch jegliches Verständnis und Mitgefühl für Kinder als ‚geliebt werden wollen‘. Auf die Beschwerde einer Mutter über Freunde, die sich in der Frage des Zu-Bett-Gehens mit ihrem Kind solidarisierten, antwortet er: „Viele Erwachsene wollen auch von anderen Kindern geliebt werden und somit auch von Ihrem. Und sie sehen sich in Ihrem Kind und empfinden damit Ihre gesunde Grenzsetzung als eine Eingrenzung ihrer selbst.“ Wenn sich die Freunde in die Lage des Kindes versetzen und so erkennen, was die Grenzsetzung für das Kind bedeutet, ist das Verständnis und Mitgefühl. Winterhoff stellt das auf den Kopf und diffamiert es als Projektion. Mit ‚geliebt werden wollen‘ hat Verständnis überhaupt nichts zu tun, es gibt auch ein allgemeines Verständnis für Menschen in einer bestimmten Lage, der konkrete Mensch muss also dem Verstehenden nicht mal bekannt sein.

Die dritte Schublade ‚Symbiose‘ ist für die schwersten Fälle. Zum Beispiel für Eltern, die Lehrern und Erziehern ‚in den Rücken fallen‘, also ihre Kinder auch noch unterstützen.“Im Rahmen der Symbiose verschmilzt der Erwachsene seine Psyche mit der des Kindes, er behandelt das Kind, als sei es Teil seines eigenen Körpers. Das heißt im übertragenen Sinn: positive Zuwendung an das Kind ist gleichsam auch positive Zuwendung an den Elternteil. Entsprechend ist Kritik am Kind auch Kritik am symbiotischen Erwachsenen.“ ->Sich über Zuwendung an das Kind zu freuen und von Kritik am Kind betroffen zu sein, ist jedoch ein ganz normaler Effekt von Liebe der Eltern zu ihrem Kind. Krankhaft wird es erst in den seltenen Fällen, wenn Eltern nicht mehr in der Lage sind, zwischen sich und dem Kind zu unterscheiden.

Um diesen Schubladen zu entgehen, ist also ein sehr distanziertes Verhältnis zu Kindern nötig, am besten ohne Respekt, ohne Verständnis und Mitgefühl, ohne Liebe. Das Kind muss ‚als Kind‘ gesehen werden, in eine traditionelle Rolle gedrängt werden, die ihnen von Erwachsenen zugeteilt wird, deren Verbindung zur eigenen Kindheit unterbrochen ist. „Sie finden sich in der gut gemeinten Freiheit überhaupt nicht zurecht“, lernen nur Eltern und Lehrern zuliebe, und sind zu nichts fähig, was ihnen Erwachsene nicht wiederholt eingetrichtert haben. Alles in allem genau das Bild vom Kind, das es Erwachsenen ermöglicht, jegliche Machtausübung gegenüber Kindern zu begründen.

Beschönigt wird dies noch durch das Motto „Kinder müssen Kind sein dürfen“. Als wäre es das Bedürfnis der Kinder, in diese Rolle des absolut Unfähigen gesteckt zu werden. Für ihre wahren Bedürfnisse, sie selbst zu sein, ihre eigenen Weltbilder zu entwickeln und ihre eigenen Wege zu gehen, bleibt da kaum noch Raum.

Kindern, die sich nicht so verhalten, wie er es erwartet, unterstellt er eine unterentwickelte Psyche. Dabei definiert er Psyche recht merkwürdig und eigenwillig. Aus einem Interwiew :

„Sehen Sie: Sie haben die gleiche Psyche wie ich, auch wenn wir unterschiedlich sind.“ … „Die individuellen Anteile sind für mich als Psychiater nicht relevant, die braucht man in einer Freundschaft oder Berufsberatung.“ … „Die Psyche hat zwei Bereiche. Das eine sind psychische Funktionen: Frustrationstoleranz, Gewissensinstanz, Arbeitshaltung, Erkennen von Gefühlen und so weiter. Diese Funktionen müssen Sie von klein auf dem Kind abverlangen und antrainieren. Eine Frustrationstoleranz kommt nicht automatisch, sondern darüber, dass das Kind lernt auszuhalten, abzuwarten. Der zweite Bereich sind Weltbilder. Unser Weltbild beruht auf der Vorstellung, wir seien Individuen im Rahmen einer Gesellschaft.“

Es geht bei ihm um Anforderungen der Gesellschaft ( oder Teilen der Gesellschaft) an Kinder oder Menschen allgemein oder auch um kulturelle Prägung. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Psyche, und die Psyche hat Auswirkungen darauf, ob diese Anforderungen erfüllt werden. Doch das mit der Psyche selbst zu verwechseln, ist etwa so, als würde man Pornographie und Sexualität verwechseln. Jeder Mensch hat eine Psyche, unabhängig davon, ob und welche Anforderungen erfüllt werden. Und jede Psyche ist individuell, sie ist das Ergebnis von ganz individuellen Gefühlserfahrungen, von Schmerz, Angst, Wut, Scham usw. Wenn das für einen Psychiater nicht relevant ist, dann sagt das etwas über ihn aus oder über seinen ganzen Berufsstand.

Was will Winterhoff?

Sein zweites Buch hat den Untertitel „Warum Erziehung nicht reicht“, seine Vorstellungen nennt er ganz modern ‚beziehungsorientierte Konzepte‘. In einem Interview taucht sogar die ursprünglich antipädagogische Parole ‚Beziehung statt Erziehung‘ auf. Das geht natürlich nur durch recht eigenwilliges Umdefinieren sowohl von Beziehung als auch von Erziehung.

Beziehungen zu Kindern sind für ihn nur eindeutig hierarchisch denkbar, in der Praxis eine ständige Kontrolle und Zurechtweisung. „Es ist viel wichtiger, dass ich Zeit habe für das Kind, nicht, um die gleich wieder zu füllen, sondern um es im Alltag zu begleiten, beim Zimmeraufräumen, Hausaufgaben machen, waschen.“ Zum Dank decken Kinder dann aus Liebe zu solchen Eltern den Tisch und lernen in der Schule aus Liebe zu solchen Lehrern. Kommt da niemand auf den Gedanken, dass hier vielleicht Liebe mit Furcht verwechselt wird?

Unter Erziehung versteht er nur deren rationalen Teil, das Lernen von Regeln und natürlich auch anderen Inhalten. Er lehnt solche Erziehung nicht ab, hält sie aber erst mit zunehmendem Alter für zweckmäßig. Mit Kindern zu diskutieren hält er für eher schädlich, weil er davon ausgeht, das Kinder eh kaum etwas verstehen können. „Einsichtsfähigkeit können Sie allerdings bei einer gesunden Reifeentwicklung erst mit 15, 16 Jahren voraussetzen.“

Worauf es ihm ankommt, ist das ‚Training der Psyche‘, also eigentlich auch Erziehung, aber psychisch-emotional. „Ihre Nervenzellen müssen zuerst trainiert werden und das geht nur durch Wiederholung, nicht durch Verstehen. Eine Mutter muss ihrem Kind vier Jahre lang jeden Tag sagen, dass es nach dem Essen seinen Teller wegräumen soll. Mütter müssen zur lebenden Schallplatte werden von morgens bis abends. Sonst werden die Nervenzellen nicht trainiert.“

Wohin führt sein Konzept?

Zweifellos ist ein solches ‚Training‘ wirksam. Auch ohne offensichtliche Gewalt hinterlässt eine solche Dauerberieselung mit Demütigungen in der kindlichen Seele tiefe Spuren, die meist nicht wieder verschwinden werden. Eingefahrene Gleise, die es nicht so leicht wieder verlassen kann. Vermutlich wird es spuren, wann immer jemand sich ähnlich wie seine Eltern verhält. In Gegenwart von ‚Respektspersonen‘ wird es unauffällig sein und reibungslos funktionieren. Es wird im Rahmen seiner geistigen Fähigkeiten lernen, was man ihm vorsetzt. Alles in allem also ein fast universell einsetzbares Rädchen im Getriebe.

Bei soviel Licht gibt es natürlich auch Schatten. Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat sich intensiv mit diesen Schattenseiten des Gehorsams auseinandergesetzt, u.a. in seinen Büchern „Der Verrat am Selbst“ und „Der Verlust des Mitgefühls“. Unter Selbst ist der angeborene Kern zu verstehen, der sich zum Ich entfaltet, dazu gehören z.B. die körperlichen Empfindungen und Gefühle. Bei soviel Training zur Fremdbestimmung wird das Selbst zur Quelle von Störungen im Verhältnis zu den Eltern und zur gesellschaftlichen Macht, die sie vertreten. Wenn das Kind seinen eigenen Empfindungen folgt, bekommt es Ärger mit den Eltern. Das hat zur Folge, das irgendwann das Kind sein Selbst verrät, sich selbst unterdrückt, um die überlebenswichtige Beziehung zu den Eltern nicht zu gefährden.

Daraus folgt ein psychologischer Mechanismus, die ‚Identifikation mit dem Aggressor‘. Nach all den Niederlagen will das Kind auf der Seite der Starken sein, es identifiziert sich mit der Macht, unter der es gelitten hat. Das kann Vater oder Mutter persönlich sein, aber auch die anonyme Macht des ‚man‘, der gesellschaftlichen Ordnung, der sich auch die Eltern unterworfen haben.

Das verratene und unterdrückte Selbst verschwindet nicht, aber es wird abgespalten und zusammen mit den ursächlichen Schmerz- und Ohnmachtserfahrungen ins Unterbewusste verdrängt. Dies ist der Grund, warum so viele Erwachsene kaum noch Erinnerungen an ihre Kindheit haben, insbesondere an ihre damalige Gefühlswelt. Mit dem Selbst geht auch das Mitgefühl für andere verloren. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt es, aber wie soll das gehen für jemanden, der sich selbst hasst? Er kann höchstens ‚lieb sein‘ zur bedrohlichen Macht, um des ‚lieben Friedens‘ willen.

Inneren Frieden werden so Erzogene jedoch nicht finden. Frustrationen eine Weile auszuhalten, kann trainiert werden. Doch die Frustrationen selbst bleiben, sie suchen sich einen Ausweg in Aggression und Hass. Sie richten sich gegen alles, was nicht unter dem Schutz der Macht steht, mit Vorliebe gegen Menschen, die anders sind: andere Nation, andere Rasse, andere Kultur. Besonders auch gegen alles, was sich schwach zeigt, weil Schwäche wieder an den Schmerz der eigenen Schwäche zu erinnern droht, die sie erlebt und nur mühsam wieder verdrängt haben.

Hierin liegt auch die wesentliche Ursache ihres Hasses gegen Kinder, besonders gegen diejenigen, die ihr Selbst noch nicht aufgegeben haben. Das, was sie erlitten haben, ist am besten zu ertragen in dem Glauben, dass es anders gar nicht geht. So spüren sie einen inneren Drang, das selbst Erfahrene an Anderen zu wiederholen. Also Kinder so zu erziehen, wie sie selbst erzogen wurden, oder auch zu solcher Erziehung aufzufordern. Winterhoff nennt so etwas dann ‚Intuition‘.

Sein Einhämmern von gesellschaftlichen Normen ist eine Form von Sozialisation, der Tradierung von Kultur von einer Generation zur nächsten, doch nicht die einzig mögliche. Die andere geht über Lernen und Verstehen aus eigenem Antrieb der Kinder. Mischformen sind auch möglich, doch gerade das ist oft eine Quelle von Störungen, da die Prinzipien gegeneinander wirken. Die freie Entwicklung ist ohne Vertrauen nicht möglich, die Psychodressur nicht ohne Kontrolle. Die Dressur kann schneller Erfolge vorweisen und die Inhalte brauchen weder Sinn noch Begründung. Doch geht das nur um den Preis der geistigen Freiheit und Flexibilität.

Einem Kind beispielsweise Höflichkeitsrituale einzuimpfen, ist Sache von wenigen Jahren – ein sich frei entwickelndes Kind wird vielleicht erst nach der Pubertät so höflich sein. Dann aber nicht aus einem inneren Zwang heraus, weil ,man‘ es eben so macht, sondern weil es Verständnis und Taktgefühl für die Mitmenschen entwickelt hat. Dieses ermöglicht ihm, auch mit Kulturen zurecht zu kommen, die andere Normen und Rituale erwarten. Ein dressiertes Kind dagegen wird andere Normen und Rituale immer als falsch empfinden, wenn sie denen widersprechen, die ihm eingeprägt wurden.

Bei der freien Entwicklung ist die Sozialisation ein normaler Lerninhalt, deshalb kann sie durch einfaches Lernen verändert, erweitert und auch relativiert werden, gesellschaftlicher Wandel ist kein Problem. Beim Winterhoff’schen ‚Training‘ wird sie fest in emotionalen Strukturen verankert, die nur sehr schwierig und langsam zu ändern sind. Abweichungen von dem, was die Eltern immer wieder als gut und richtig eingeimpft haben, sind mit Angst besetzt, z.B. vor Liebesentzug oder dem Ärger weiterer Zurechtweisungen. Diese Angst ist meist nicht bewußt, sondern verborgen, lenkt und begrenzt aber dennoch Handlungen und Gedanken.

Bei solcher Angst im Hintergrund gibt es geistige Freiheit nur noch auf Gebieten, die kaum etwas mit den Erziehungsinhalten zu tun haben, beispielsweise in der höheren Mathematik . ‚Was sein muss‘, ist sonst als Ergebnis eines Gedankengangs schon vorher festgelegt, was nicht sein darf‘ ist angstbesetztes Sperrgebiet. Eine ‚trainierte‘ Seele wird zB über die Notwendigkeit von Schule oder Zähneputzen nicht ergebnisoffen nachdenken können.

Dadurch sind die Normen und Werte lebenslänglich fixiert, ähnlich den angeborenen Instinkten. Es ist eine statische Anpassung, alles wäre wunderbar, wenn alles bliebe wie es war. Doch in einer sich wandelnden Gesellschaft und Umwelt wird es zur Fehlanpassung. Die emotional fixierten Menschen finden sich mit der veränderten Realität nicht mehr zurecht, da sie immer noch die Welt erwarten, an die sie angepasst wurden. Das führt zu Frustrationen, Aggressionen und irgendwann zu reaktionären Bewegungen, zu Versuchen, die Welt wieder anzupassen an die veralteten Weltbilder.

Winterhoff selbst ist mit seinen Werken und Auftritten ein Beispiel, wohin diese Art von Erziehung führt. Ein ganzes langweiliges Kapitel seines zweiten Buches beschäftigt er sich damit, welche ‚Kommunikationsstörungen‘ sich ergeben, wenn nicht ‚das Kind als Kind‘ in seinem Sinne gesehen wird. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass nicht jeder mit gleichen Begriffen das gleiche meint. Unterschiedliche Weltbilder sind keine Störung der Kommunikation, sondern gerade der Anfang zu wirklicher Kommunikation. Wenn alle die Welt gleich sehen würden, würde Kommunikation reduziert auf gegenseitige Bestätigung.

Sein Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass es viele Menschen gibt, die ähnlich erzogen wurden, die Bestätigung für ihr Weltbild wollen und nicht Kommunikation, die es verändern könnte. Da gibt es einerseits eine erschreckende Gewalttätigkeit unter Jugendlichen, die manchmal wirklich tyrannisch ist. Und es gibt das Unbehagen, wenn Kinder sich anders verhalten und/oder anders behandelt werden als sie selbst in ihrer Kindheit. Auch wenn das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat, da die jugendlichen Gewalttäter meist autoritär erzogen sind, assoziiert Winterhoff einen solchen Zusammenhang. Und das macht seine Thesen attraktiv für Leute, die schon immer geahnt haben, dass das nicht gut gehen kann, wenn man vom einzig richtigen Weg abweicht.

Warum werden Kinder als Tyrannen empfunden?

Das Wort ‚Tyrann‘ war ursprünglich eine griechische Bezeichnung für Herrscher allgemein. Später bekam es die spezielle Bedeutung von Gewaltherrscher aus persönlicher Willkür. Was sind das nun für Kinder, die von Winterhoff als ‚Tyrannen‘ bezeichnet werden? Sehen wir uns mal ein Fallbeispiel genauer an. Erstmal aus der Sicht einer Lehrerin:

„Normalerweise fordere ich die Kinder einmal auf, ihre Mappen aus dem Schulranzen zu holen und auf den Tisch zu legen, damit ich mir die Aufgaben anschauen kann. Bei Philipp klappt das so gut wie nie nach der ersten Aufforderung. Kürzlich schaute er mich nach der Wiederholung meiner Bitte an und fragte nur ,Warum?‘, woraufhin ich geduldig erklärte: ,Weil wir jetzt die Hausaufgaben kontrollieren.‘ Passiert ist in diesem Moment gar nichts, keinerlei Reaktion des Siebenjährigen. Naturgemäß wird man in so einem Moment leicht ungeduldig, da ich solche Situationen kenne, bitte ich ihn aber noch ein drittes Mal, nun endlich die Mappe aus dem Tornister zu holen. Was antwortet mir dieses Kind? ,Nö, keine Lust!‘ Da ich diese Verweigerungshaltung nicht akzeptieren will, versuche ich also weiter, Philipp dazu zu bewegen, mir seine Hausaufgaben zu zeigen. Das Resultat ist, dass das Kind aufsteht und sich ohne einen weiteren Kommentar unter den Tisch setzt. Er hat sich dann die komplette Stunde nicht dort wegbewegt, ich konnte ihn nicht dazu bringen, sich wieder hinzusetzen und in der Klasse mitzuarbeiten.“

Also ein Kind, das nach Sinn und Begründung einer Aufforderung an ihn fragt, darauf eine völlig unzureichende Antwort bekommt und sich daraufhin weigert, der Aufforderung nachzukommen. Doch was sagt Winterhoff dazu?

„Der Siebenjährige ist erkennbar in einer Phase des frühkindlichen Narzissmus gefangen, er kennt nur sich selbst, seine Bedürfnisse im jeweiligen Moment, und ist völlig außerstande, auf Anforderungen der Außenwelt zu reagieren.“

Erkennbar ist hier, dass es Winterhoff nicht um das Kind geht, sondern um seine Vermutung, dass Kinder, die nicht unauffällig und bedingungslos gehorchen, psychisch zurückgeblieben sind. Natürlich reagiert Philipp auf Anforderungen der Außenwelt, nur eben nicht so wie es gewünscht wird. Nach meinem Empfinden ist er zumindest in puncto Mut und Selbstbewusstsein weiter als seine Mitschüler, sonst würde er die Auseinandersetzung mit der Lehrerin nicht wagen.

„Seine Verweigerungshaltung gegenüber der Lehrerin ist also keine gewollte Bösartigkeit, um diese zu verletzen, sondern Philipp erkennt schlicht in seiner Lehrerin kein Gegenüber, das für ihn von irgendeiner Bedeutung wäre.“

Darin steckt die Anklage, dass er die Lehrerin verletzt hätte, obwohl er nichts getan hat außer sich zu verweigern. Gnädigerweise spricht Winterhoff ihn zumindest von der gewollten Bösartigkeit frei, doch um den Preis, dass er ihm den Willen abspricht und ihm krankhafte Unfähigkeit unterstellt.

Hier zeigt sich auch Winterhoffs Grundeinstellung gegenüber Kindern. Er sieht sie nicht als Subjekte mit eigenem Willen und eigenen Vorstellungen, sondern als beliebig programmierbare Objekte. Wenn sie nicht reibungslos funktionieren, sind sie defekt, weil falsch programmiert. Das erspart ihm, sich um Verständnis zu bemühen, zu überlegen, warum das Kind nicht blind gehorchen will.

Von der gesamten Situation der gestörten Beziehung zwischen Philipp, seiner Lehrerin und dem Schulsystem sieht er nur das Kind als gestört und beziehungsunfähig. An der Lehrerin kritisiert er nur, dass sie sich nicht genug Respekt verschafft, wie, das lässt er offen. Das ganze System von Schule, Hausaufgaben, Gehorsam und Kontrolle wird als selbstverständlich vorausgesetzt und ist völlig außerhalb des Blickfelds, nicht nur unantastbar, sondern auch undiskutierbar.

„Aus diesem Grunde hat auch die Aufforderung, seine Hausaufgaben vorzulegen, für ihn keine Bedeutung, denn er ist nicht in der Lage, die Lehrerin als Respektsperson zu erkennen.“

Was ist eine Respektsperson? Anscheinend eine Person, der ohne Rückfrage zu gehorchen ist. Kein Wunder, dass ‚Respekt‘ und ‚Respektlosigkeit‘ in beiden Büchern zwar häufig vorkommt, dabei jedoch nie von Respekt gegenüber Kindern oder von gegenseitigem Respekt die Rede ist. Das respektlose ‚kein Gegenüber erkennen‘ im Anderen, das er bei Kindern immer wieder als ‚Tyrannei‘ und psychischen Defekt gebrandmarkt, wird im umgekehrten Verhältnis als selbstverständlich und normal angenommen.

Dabei ist Respekt genau das, was Philipp von seiner Lehrerin einfordert. Er möchte nicht einfach als Automat gesehen werden, der zu funktionieren hat, sondern als Wesen, das ein Recht hat auf Begründungen und Sinnzusammenhänge für das, was es tun soll. Wenn an mich jemand Forderungen stellt, will ich sie auch begründet sehen, und dann erst entscheiden, ob ich sie erfülle. Und wenn das nicht respektiert wird, hätte ich auch ‚keine Lust‘.

„Darüber hinaus überzeugt er sich wieder und wieder davon, dass er die Lehrerin in der Hand hat mit jedem weiteren Versuch, ihn zu etwas zu bewegen, stellt diese sich seinen Steuerungsversuchen zur Verfügung …“

Wer will hier eigentlich wen steuern? Eigentlich müsste doch klar sein, dass es hier die Lehrerin ist, die die Kinder steuern will, sie in diesem Fall dazu bringen will, ihre Mappen vorzulegen. Natürlich nicht so sehr aus persönlicher Machtgier, sondern weil sie es als ihre gesellschaftliche Aufgabe sieht. Ihr Dilemma ist, dass sie die Verweigerung als nicht hinnehmbare persönliche Niederlage empfindet, eben weil sie es als völlig normal ansieht, Kinder steuern zu können.

Philipp weigert sich, sich steuern zu lassen, sich der Macht zu unterwerfen. Würde er sich denn unter dem Tisch verkriechen, wenn es sein Interesse wäre, die Lehrerin zu steuern? Dort hat er die Lehrerin nicht im Blick, und angenehm ist weder der Ort noch die ständigen Versuche der Lehrerin, ihn zurückzuholen. Wenn er schon nicht respektiert wird, will er wenigstens in Ruhe gelassen werden. Dabei ist einzige Befriedigung für ihn das Gefühl, zu sich selbst zu stehen.

Wie kommt es nun angesichts eines Kindes, das nichts weiter tut, als sich zu verweigern, zu der Assoziation eines verletzenden Gewaltherrschers? Zweifellos bringt Philipp die Lehrerin in Schwierigkeiten. Doch die Macht, von der sie unter Druck gesetzt wird, ist nicht seine, sondern die verdrängte gesellschaftliche Macht ihrer eigenen Erziehung. Wenn sie normal im Winterhoffschen Sinne erzogen ist, wurde ihr diskussionslos immer wieder eingeprägt, was richtig und was falsch ist, was sein muss und was nicht sein darf. Schule muss sein, Hausaufgaben müssen sein, Kontrolle muss sein. Darüber wird nicht diskutiert, das darf nicht infrage gestellt werden.

Es muss auch sein, dass Kinder den Lehrern gehorchen. Die Situation der Verweigerung ist in ihrem Weltbild nicht vorgesehen, damit kommt sie nicht zurecht, sie empfindet es als ihr persönliches Versagen. Im Konflikt zwischen Philipp und der verdrängten Macht kann sie sich von der Macht nicht abgrenzen. Also bleibt nur das Kind als mögliche Ursache ihrer unangenehmen Lage, sie fühlt sich von ihm angegriffen und verletzt.

Bei den anderen Fallbeispiele ist das Prinzip ähnlich. Kinder sind anders als sie sein sollten, zu Engstirnigkeit erzogene Erwachsene haben Probleme damit und erklären sie deshalb zu Tyrannen, auch wenn sie eigentlich nur Verweigerer oder Rebellen sind. Hier ist der Begriff ‚Projektion‘ wirklich angebracht, sogar in seinem Extremfall, dem Prinzip Sündenbock.

Wie umgehen mit dieser reaktionären Bewegung ?

Kinder werden zu Tyrannen erklärt aus einer Verlogenheit heraus, die keiner bösen Absicht entspringt, sondern inneren psychischen Zwängen, der Unterwerfung unter eine Macht, die dann als Normalität verdrängt wird. Da dies kein individuelles Schicksal ist, sondern ein kulturelles, ist auch die Verlogenheit keine individuelle, sondern eine kollektive, die sich gegenseitig bestätigt. Diese Verlogenheit aufzudecken und Klarheit zu schaffen ist die erste Notwendigkeit gegen die neue Welle der Kinderfeindlichkeit.

Die zweite Notwendigkeit ist, die Kinder vor den psychischen Deformationen zu bewahren, die zu Engstirnigkeit und eben dieser Verlogenheit führen. Also genau die Art von Erziehung zu vermeiden, die Winterhoff als Lösung seiner Probleme anpreist.

Es mag sein, dass durch solche Erziehung viele kleine Katastrophen wie unaufgeräumte Zimmer, schwarze Fingernägel oder geschwänzte Schulstunden vermieden werden können. Doch große Katastrophen wie der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg wurden nicht nur nicht verhindert, sondern geradezu durch das reibungslose Funktionieren erst ermöglicht. Die allererste Forderung an Erziehung von Adorno, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“, erfüllt sie jedenfalls nicht, sie ist mit der Erziehung vor Auschwitz identisch.

Jobst Quis

Hier auch mit weiterführenden Links.

Wo kommen wir da hin?

geschrieben 2006 für „Wissen Sollen Können Müssen“, ein Heft der Reihe „Fragend voran“

Wo kommen wir da hin?
Essay zum Thema Erziehung von Jobst Quis

Diese Frage haben wir in unserer Kindheit (Ende 50er/Anfang 60er) oft von der Erwachsenenwelt zu hören bekommen, wenn wir etwas anders wollten, als die Ordnung oder die Gewohnheit vorschrieb. Daran war etwas Verwirrendes. Nicht an der Frage selbst, sondern am Widerspruch zwischen der Frage und der Art und Weise, wie sie gestellt wurde. Der drohende Tonfall war fast derselbe wie bei der Feststellung „Kommt garnicht in Frage“ und machte deutlich, daß eine Antwort auf diese Frage keineswegs gewünscht war. Es war nicht wie sonst eine Frage zur Fortführung der Kommunikation, sondern eine zu ihrer Beendigung.

Somit blieben zwei große Fragen offen, zum einen „Wo kommen wir da hin?“ selbst, zum anderen „Wieso haben sie solche Angst ?“. Solche Angst, daß sie schon die Diskussion fürchteten. Und zwar gerade vor dem, was uns besonders verlockend erschien. Wir waren uns ziemlich sicher, das wir zum Paradies oder so was ähnlichem kommen würden, wenn wir nur lang genug in die Richtung gingen, von der man uns fernzuhalten versuchte. Etwas besseres als die langweilige Erwachsenenwelt konnten wir allemal finden.

Die Frage „Wo kommen wir da hin?“ bedeutete für uns also die Hoffnung, daß alles auch ganz anders sein könnte. Sie war mir zwar nicht immer gegenwärtig, dennoch könnte sie so etwas wie eine Leitfrage für mein bisheriges Leben gewesen sein. Reichtum, Erfolg, Ruhm, Ehre usw konnten mich nie reizen. Ein unermüdlicher Antrieb dagegen war für mich zu erkunden und zu zeigen, was alles doch möglich ist von dem, was von den meisten für „schön wär’s aber unmöglich“ gehalten wird. Zum Beispiel eine Lebensweise ohne Zwang, ohne Über- und Unterordnung, mit Anerkennung und Respekt für alle, nicht nur für die besten.

Wir, nicht nur ich und meine Geschwister, sondern auch die meisten Kinder die wir kannten, lebten damals in zwei Welten. Die meiste Zeit des Tages waren wir unter uns in der Kinderwelt, abends, morgens und zum Mittagessen waren wir jedoch gezwungen, mit den Großen zusammen zu leben. Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern war zugleich geprägt von Strenge und Freiheit. Die Strenge war bürgerliche Tradition und ideologisch begründet. Die Freiheit dagegen gab es fast unbeabsichtigt aus praktischen Gründen. Es war Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, „Ärmel hochkrempeln, zupacken, aufbauen“ und wir wurden zum Spielen rausgeschickt, um nicht bei der Arbeit zu stören.

Unsere Kinderwelt war draußen, bevorzugt solche Plätze, wo nur selten Erwachsene hinkamen. Verwilderte Parks und Gärten, Ruinen, Sandkuhlen, Müllkippen, Bäche und Teiche waren unser Revier. Kinderwelt hieß aber auch Gleichberechtigung, gegenseitige Hilfe, Freundschaft, Anerkennung und die Möglichkeit, jemandem anzuvertrauen, was man dachte und fühlte(1). Bei Erwachsenen waren da die Folgen schwer abzusehen, am sichersten war es immer, ihnen so wenig wie möglich zu erzählen. Ihr Wohlwollen haben wir zwar nur selten angezweifelt, aber sie hatten manchmal recht merkwürdige Vorstellungen davon, was gut für uns sei.

Die Erziehung konzentrierte sich auf die Zeitpunkte, wenn wir abends und mittags nachhause mussten. Dann gab es oft ein Donnerwetter. Weil wir zu spät kamen, weil unsere Klamotten dreckig, nass oder sogar zerrissen waren und ähnlichen aus unserer Sicht fast unvermeidlichen Gründen. Doch irgendwann war jedes Donnerwetter überstanden und dann konnten wir es auch wieder eine Weile mit den Erwachsenen aushalten.

Unsere Eltern waren zwar die Erwachsenen, mit denen wir es meistens zu tun hatten, aber es war uns schon bewußt, daß unsere Probleme mit ihnen nichts Persönliches waren, da die anderen Großen genauso waren oder noch schlimmer. Die Erwachsenen und ihre Welt, das war es, was unser Glück einschränkte, das war unser großes Problem und Rätsel. Die beste Erklärung war, daß das Erwachsensein so eine Art Krankheit ist, für die Menschen mit zunehmendem Alter anfällig werden.


Wo sind wir hingekommen ?

Mittlerweile sind mehrere Jahrzehnte vorübergezogen, doch das Thema beschäftigt mich immer noch. All meine gesellschaftspolitischen Aktivitäten und Erkenntnisse bauen auf diesen Grunderfahrungen auf. Mit hunderten gelesenen Büchern und tausenden Grübeleien aus einer Vielzahl von Blickwinkeln änderten und vermehrten sich die Worte und Begriffe, um es zu betrachten und zu beschreiben, doch der Wesenskern blieb derselbe.

Was ich früher als Erwachsenenwelt wahrnahm, nenne ich jetzt Bürgertum und erkläre es als selbsterhaltendes kulturelles System oder auch als kollektive schlechte Angewohnheit. Es baut auf einem anderem System auf, dem Patriarchat, das man auch Kriegs- oder Konkurrenzkultur nennen könnte. Das Bürgertum bildet wiederum die Grundlage für den Kapitalismus, aber ebenso auch für die bisherigen kommunistischen Gesellschaften.

Auf der Beziehungsebene besteht es aus funktionalen Subjekt-Objekt-Beziehungen. Selbst in den intimsten Familienbeziehungen ist wenig Platz für Persönliches. Es sind gesellschaftliche Rollenvorstellungen, die bestimmen was mensch mit (seiner/ ihrem !) Frau / Mann / Kind zu tun hat, um einE guteR Ehemann / Ehefrau / Mutter / Vater zu sein oder wenigstens zu erscheinen. Diese Vorstellungen ändern sich zwar im Lauf der Zeit inhaltlich, doch der Anspruch, daß ihnen zu folgen ist, bleibt.

Schon die Eigendynamik der Wirtschaft, die für das Bürgertum von zentraler Bedeutung ist, machte es notwendig, daß es sich äußerlich-inhaltlich verändert und anpasst. Waren damals in Ost und West noch Helden der Arbeit gefragt, so braucht die Wirtschaft heute vor allem Hochleistungskonsumenten. Doch innerlich-strukturell ist das ganze Bürgertum gleichgeblieben, trotz all unserer Bestrebungen nach radikaler gesellschaftlicher Veränderung. „Wo kommen wir da hin?“ kann man auch heute noch überall hören, und zwar im selben alten Tonfall von „Kommt garnicht in Frage“.

Für die, die sich diese Frage ernsthaft stellen, ist es allerdings leichter geworden, darauf Antworten zu finden. Das Bürgertum hat zwar noch die Dominanz, aber kein Monopol mehr auf Lebensweisen. Es gibt mittlerweile eine Fülle von Subkulturen und individuellen Lebensweisen, die zumindest in einzelnen Aspekten stark von der bürgerlichen Normalkultur abweichen. Auch sie sind stabil (die meisten wollen weiter so leben) und es gibt jahre- bis jahrzehntelange Erfahrungen damit. Dazu kommt das ethnologische Wissen über Kulturen von Ureinwohnern und das psychologische Wissen über die Wirkungen kultureller Strukturen auf die Entwicklung einzelner Menschen.

Das Wissen über und die Erfahrungen mit Kulturen wären also da, um das beste daraus zu machen. Nicht mehr Sklaven der Herkunftskultur zu sein und sie gehorsam und fraglos immer wieder zu reproduzieren, sondern sie aktiv zu verändern und neu zu gestalten. Wir könnten Kulturen zu entwickeln, in denen die Menschen glücklicher wären und dabei weit weniger Schäden an der Erde und ihrer Natur anrichten. Doch das Problem ist, daß die meisten nichts davon wissen wollen. Und damit wären wir wieder bei der zweiten offenen Frage, wieso wollen sie garkeine Antwort darauf, wo wir da hinkommen?

Wieso haben sie Angst ?

Eine Frage, die keine Antwort erwartet, nennt man eine rhetorische Frage. Kleine Kinder haben ihre Schwierigkeiten damit, genauso wie mit Ironie. Das liegt aber nicht wie oft behauptet, an mangelnden geistigen Fähigkeiten der Kinder, sondern daran, daß für Kinder noch nichts selbstverständlich ist. Sowohl Ironie als auch rhetorische Fragen bauen auf Selbstverständlichkeiten auf und bestärken diese, indem sie ihnen scheinbar widersprechen oder sie in Frage stellen. Damit soll sozusagen gezeigt werden, daß das Selbstverständliche sicher ist und mehr zählt als ihm entgegenstehende Worte.

Daraus lässt sich vermuten, daß der Spruch „Wo kommen wir dahin?“ mitsamt seinem Tonfall nicht aus der Eltern-Kind-Situation kommt, sondern aus dem Stammtischmilieu, wo erwachsene Bürger unter sich und sich einig sind. Einig darüber, daß es anders als gewohnt gar nicht gehen kann und daß schon die Möglichkeit einer anderen Lebensweise so schaurig ist, daß eine weitere Erörterung dieser Frage die Stimmung versauen würde.

Es scheint so, als ob sie rundherum Abgründe sehen und nur die gewohnte Ordnung als festen sicheren Platz empfinden. „Bürger“ kommt von „Burg“ und das Bild einer Burg verdeutlicht die bürgerliche Mentalität und Psychostruktur. Von einer Burg aus gesehen sind tatsächlich in allen Richtungen Abgründe, die Bewegungsmöglichkeiten sind klein. Allerdings sind die Abgründe auch künstlich geschaffene Mauern, die Burg und Bürger über die natürliche Ebene erheben. Nur eine Position hoch über allen Anderen verspricht ihnen Sicherheit durch Überlegenheit. Dieses Bestehen auf der Höhe macht sie jedoch auch zu Gefangenen des Systems, die Burg kann nicht verlassen werden, ohne herabzusteigen oder gar abzustürzen.

Um das Gefühl der allseitigen Bedrohung und das daraus folgende Streben nach Sicherheit zu verstehen, müssen wir nochmal eine Systemebene tiefer gehen zum Patriarchat. Es ist nicht nur ein System zur Unterdrückung der Frauen durch die Männer, sondern auch ein Kriegs- und Konkurrenzkultursystem. Das Leben wird strukturiert als überlebenswichtiger Wettkampf von jedem gegen jeden, es ist durchzogen von ständigen Vergleichen, wer besser, höher, weiter usw ist. Dies erfordert und fördert die Vereinzelung. Die matriarchale Sippe als typische Lebensgemeinschaft wurde ersetzt durch die kleinstmögliche reproduktionfähige Einheit, die Familie. Emotionale Nähe wurde beschränkt auf die Familie und selbst da verhindert die Geschlechterrollenverteilung die Begegnung auf gleicher Ebene.

Das Bürgertum können wir nun verstehen als Bewegung gegen Symptome des Patriarchats, ohne es selbst zu verstehen, in Frage zu stellen oder gar anzugreifen. Das Patriarchat erscheint dem Bürgertum als selbstverständliche Normalität, an der es nichts zu rütteln gibt. Der Bürger(2) will ändern, was ihn stört, und das ist eine Menge, aber er will immer so wenig wie möglich ändern. Vor allem will er nicht in die Tiefe gehen, er will lieber hoch hinaus. Im Entwerfen von hohen Idealen und Werten ist er gut, besonders um sie von anderen zu verlangen. Aber mit seinen Grundlagen, mit dem was unter ihm ist, will er sich nicht beschäftigen, das macht ihm Angst.

Daraus ergibt sich eine gewisse Absurdität seiner Tätigkeiten. Einen großen Teil seiner Aktivitäten können wir interpretieren als ständige Bemühung, auf friedliche Art und Weise Krieg zu führen. Der Bürger will meist keinen Krieg, hält ihn aber für kaum vermeidbar und rüstet sich deshalb dafür und bildet Armeen.

Er will Gemeinschaft, um sich stark und sicher zu fühlen und um irgendwo dazuzugehören. Doch er kann und will die Vereinzelung nicht aufheben, da er sich aufgrund der Konkurrenz für andere nicht öffnen kann. Im Kleinen ergibt sich daraus statt echter Freundschaft oberflächliche Geselligkeit. Im Großen ist das Ergebnis ein riesiges Kollektiv der Vereinzelten, die Nation und als zentrale Institution des Bürgertums der Staat.

Er stellt tausende von Regeln auf, um den Kampf von jedem gegen jeden im Rahmen zu halten. Doch wenn er nicht mehr konkurrieren dürfte, würde ihm etwas fehlen. Weil er weiterhin seinen Wert daran mißt, wie weit er anderen überlegen ist.

Sind Kinder systemgefährdend ?

Die zu bekämpfenden Folgen des Patriarchats werden vom Bürgertum zur menschlichen Natur erklärt. Damit wird zum einen das Patriarchat vor Kritik geschützt, zum andern wird die Distanzierung von der Natur begründet. Die Natur wird als unvollkommen und verbesserungsbedürftig gesehen, während seine Methoden zur „Verbesserung“ voller kulturellem Stolz gegen jede Kritik verteidigt werden. Der Kampf gegen das (vom Patriarchat ja auch reichlich produzierte) „Böse“ wird wird umgebogen zum Kampf gegen die Natur. Als kollektiver Kampf gegen die/den EinzelneN (Moral) und als individueller Kampf gegen sich selbst (Disziplin).

Der Mensch ist von Natur aus böse, wird gesagt, und braucht deshalb die (bürgerliche) Kultur um gut zu werden. Aus dieser Grundannahme folgt fast logisch, daß Kinder anfällig für das Böse sind. Daraus wird die Rechtfertigung des permanenten ungleichen Kampfes gegen die Kinder gebildet, der Erziehung genannt wird.

Mit Rechtfertigung ist zu erklären, warum BürgerInnen alle möglichen Unterdrückungsmassnahmen gegen Kinder für zulässig halten, sie erklärt jedoch nicht woher die emotionale Energie kommt, um sie entgegen allen Instinkten wirklich durchzuführen. Eine dieser Quellen ist wiederum die Angst.

Da ist zum einen die individuelle Angst, als Eltern den Erwartungen der Gesellschaft nicht zu genügen. „Eltern haften für ihre Kinder“ steht nicht nur auf Baustellen. Da Kinder nicht als eigene Subjekte anerkannt werden, fällt jedes Problem, das sie Anderen bereiten könnten, auf die Eltern zurück. Es ist nicht nur gesellschaftlich erlaubt, daß Eltern über ihre Kinder herrschen, es wird gefordert. Eltern müssen ihre Kinder „im Griff“ haben, wenn sie sich nicht der Schande der Unfähigkeit oder Unwilligkeit aussetzen wollen. Die individuelle Angst hätte also wenig Grund, wenn nicht hinter den gesellschaftlichen Erwartungen eine kollektive Angst der Bürger vor dem unerzogenen und unbeherrschten Kind stünde.

Wenn sich der Bürger im ständigen Kampf mit seiner Natur befindet und er es nur diesem Kampf zuschreibt, daß er seine Wut und seinen Hass nicht auf die Welt loslässt, löst schon die Existenz von Menschen, die diesen Kampf offensichtlich nicht führen, Ängste und Unbehagen aus. Daß seine Selbstunterdrückung auch die Ursache seiner Aggressionen sein könnte und daß andere gerade friedlich sind, weil sie diesen Kampf gegen sich selbst nicht führen, liegt außerhalb seiner Vorstellungsmöglichkeiten.

Gegenüber anderen Bürgern, also Menschen, die wie er sind und dieselbe Ordnung und Werte anerkennen, hat er nur den Grad an Mißtrauen, den er auch gegen sich selbst hegt. Nicht-Bürger dagegen sind für ihn völlig unberechenbar und deshalb äußerst bedrohlich. Das wird auch daran deutlich, daß das Wort „barbarisch“, mit dem Bürger Menschen nichtbürgerlicher Kulturen bezeichneten, zugleich als Synonym für grausam und unsensibel gilt. Und das, obwohl die größten und grausamsten Massaker der Geschichte eindeutig von bürgerlichen Gesellschaften ausgingen.

In vielen anderen Kulturen ist Erziehung unbekannt. Die Kinder dort beobachten, wie das Leben läuft und fügen sich ein in die Gesellschaft, die ihnen ja auch nicht feindlich gesonnen ist. Auch die patriarchale Schicht unserer Kultur überträgt sich auf neue Generationen vorwiegend durch Prägung. Die Kinder lernen nur diese Welt kennen mitsamt ihren Wettkämpfen und ihrer Vereinzelung und akzeptieren sie deshalb als normal, ohne daß erzieherische Maßnahmen notwendig wären. Doch kein Kind würde ohne Zwang von selbst zum Bürger und Selbstunterdrücker werden. Die bürgerliche Psychostruktur ist weder durch Nachahmung noch durch Einsicht zu übertragen, dazu braucht es tiefgreifende Manipulationen der Seele, eben Erziehung.

Ein noch nicht erzogenes Kind ist also ein Nichtbürger, es erscheint als ein unberechenbarer Barbar, eine Gefahr für Sicherheit und Ordnung und das ganze bürgerliche System. Kein Wunder also, daß die Erziehung und der rechtlose Sonderstatus der Kinder vom Bürger für unverzichtbar gehalten wird, daß ein großer Teil der Menschenrechte den Kindern vorenthalten wird, als wären sie keine Menschen.

Wenn Kinder als gleichberichtigte und gleichwürdige Subjekte anerkannt werden und weder Zwang noch Manipulation im Umgang zwischen Menschen jeden Alters als zulässig gelten, muß sich Kultur immer wieder neu begründen und rechtfertigen. Oder sich eben wandeln lassen. Die Macht der Gewohnheit, der Selbverständlichkeit und Normalität wird dann nicht mehr automatisch auf kommende Generationen übertragen. Sie muß sich dann von Menschen, für die nichts selbstverständlich ist, in Frage stellen und überprüfen lassen. In diesen Auseinandersetzungen können Ältere von Jüngeren genauso lernen wie in die andere „normale“ Richtung.

Je strenger eine Kultur ihre Kinder unterdrückt und manipuliert, je mehr das Lernen zwischen den Generationen eine Einbahnstraße ist, desto eher kann die Kultur bleiben wie sie ist. Aus der Sicht der Systemerhaltung mag das erstmal günstiger erscheinen, das ist es jedoch nur kurzfristig. Diese Art von Systemerhaltung ist starr, aber nicht unbedingt stabil. Langfristige Stabilität erfordert geradezu Wandel, nämlich Anpassung an sich verändernde Bedingungen. Die Überheblichkeit des Bürgertums gegenüber Kindern und anderen sogenannten „primitiven“ Kulturen, die Weigerung von ihnen zu lernen, könnte sich als verhängnisvoll erweisen.

Weiter so ?

Die Frage „Wo kommen wir da hin ?“ kann auch ganz anders als im obigen Sinne gestellt werden. Nämlich „Wo kommen wir da hin, wenn wir so weiter machen wie bisher ?“. Auch hierauf wollen die Bürger keine Antwort wissen, sie wollen sich nicht damit beschäftigen. Zukunft wird weiterhin als Gegenwart plus Fortschritt angenommen, und die Richtung des Fortschritts bleibt die Alte. Den Blick fest aufs Immermehr gerichtet und Gefahren nur von äußeren Feinden witternd, sind sie nahezu blind für die Folgen ihres eigenen kollektiven Handelns.

Wenn’s alle machen kanns ja nicht verkehrt sein, nur abweichendes Verhalten kann bestraft werden. Verantwortung ist ein von Bürgern gern benutztes Wort, vor allem um ungeliebte Maßnahmen zu rechtfertigen, auch in der Erziehung. Doch es ist immer nur eine Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Die Gesellschaft als Ganzes braucht sich nicht zu verantworten, weder gegenüber den Einzelnen noch gegenüber sonst jemandem. Der/die Einzelne muß funktionieren als Rädchen im Getriebe der Gesellschaftsmaschinerie. Daß diese Maschine als Ganzes dabei ist, mit vollem Einsatz und sich beschleunigendem Tempo gegen die Wand zu fahren, dafür ist niemand zuständig und deshalb will es auch niemand wahrnehmen.

Um sich für’s Ganze verantwortlich fühlen zu können, braucht es eine von der Gesellschaft unabhängige Instanz, die bereit ist, sich notfalls auch gegen die ganze Gesellschaft zu stellen, braucht es Eigensinn. Doch die Ausmerzung des Eigensinns und sein Ersatz durch Gehorsam und Konformität war schon immer ein zentrales Anliegen von Erziehung. Weitere menschliche Fähigkeiten, die dringend gebraucht werden um die bevorstehende Katastrophe zu begrenzen sind Mitgefühl und Kreativität.Den Luxus des Gegeneinanders und des allgemeinen Wettkampfes werden wir uns nicht mehr leisten können, wenn es darum geht, daß viele überleben. Auch die patriarchale Schicht unserer Kultur mitsamt ihren Bildern und Institutionen muß also in Frage gestellt werden.

Kreativität wird gebraucht, um auch in völlig ungewohnten Situationen Lösungen finden zu können. Die kindliche Einstellung, das nichts selbstverständlich bzw normal ist, ist die beste Grundlage für Kreativität, egal in welchem Alter. Mit der Erziehung zur Normalität geht auch die Kreativität verloren. Ob Kinder gleich als vollwertige Menschen mit allen daraus folgenden Rechten anerkannt werden oder erstmal eine jahrelange Sonderbehandlung namens Erziehung durchstehen müssen, ist also nicht nur eine formale Frage. Es ist eine Frage des Überlebens.

Das Bürgertum hat so oder so keine Zukunft mehr. Doch BürgerIn zu sein heißt nicht, BürgerIn bleiben zu müssen. Unsere Eltern zum Beispiel haben irgendwann ihre Versuche, uns zu erziehen aufgegeben, haben bis ins hohe Alter eine Menge gelernt und gehören jetzt zu unsern besten Freunden. Und sie sind nicht die Einzigen, die einen Weg hinaus gefunden haben aus der Burg. Erwachsensein ist heilbar.

Jobst Quis


Anmerkungen:
(1)Das klingt nach Schwarz-Weiß-Malerei, aber genau so polarisiert war meine/unsere Wahrnehmung damals. Umso größer war der Schock für mich in der Schulzeit, als ich mehr und mehr Kinder kennenlernte, die nicht in dieses positive Bild paßten. Doch zu Erwachsenen gab es garkeine ungestörten Beziehungen , wobei Streit nicht als Störung galt, wohl aber Machtausübung, auch wenn sie gut gemeint war.

(2) Ich benutze hier und im folgenden bewußt die männliche Form als Prototyp, da die Konstruktion und ideologische Begründung des Bürgertums fast ausschließlich eine Männerangelegenheit war. Einige der Sätze sind natürlich auch wahr, wenn Bürger durch Bürgerin ersetzt wird.