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Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wenn die Wirtschaft Flexibilität und lebenslanges Lernen fordert, ist es richtig, diese Forderungen zurückzuweisen. Jedoch nicht, weil diese Ideale falsch wären, sondern weil sie mit dem Anspruch verbunden sind, dass alle Lebensbereiche wirtschaftlichen Interessen und Erwägungen zu unterwerfen sind. Im Prinzip ist es eine Drohung und vorweggenommene Schuldzuweisung: Wenn du deinen Arbeitsplatz oder deine soziale Stellung verlierst, bist du selbst schuld, weil du nicht flexibel und lernwillig genug bist.

Doch die Bereitschaft, sich mit ungewohnten Situationen und Anforderungen auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen, hat nicht nur für die Wirtschaft ihren Wert, sondern für das Leben und Überleben allgemein. Sie kann sogar dazu beitragen, sich von der Wirtschaft unabhängiger zu machen, sich ihren Zwängen zu entziehen und die Überlebenschancen zu verbessern, falls sie zusammenbrechen sollte.

Bei kleinen Kindern gibt es keinen Mangel an Flexibilität und Lernbereitschaft. Für sie ist Lernen noch Lust und pure Lebensfreude. Sie lernen u.a. krabbeln, gehen, laufen und sprechen, ohne dass jemand ihnen das beibringen könnte. Das Lernen und die Freude daran ist den Menschen also angeboren. Wenn es nun bei den meisten Erwachsenen einen Mangel daran gibt, stellt sich die Frage, wo denn die Lernfreude geblieben ist, wo und wie sie auf dem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen verlorengegangen ist. Und ob es eine Chance gibt, sie wiederzufinden.

Das erste Lernen von Säuglingen und Kleinkindern erfolgt größtenteils selbstbestimmt, aus eigenem angeborenen Antrieb. Dieses Glück verdanken sie oft ihrer noch eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit. Noch kann ihnen keiner sagen, was sie lernen MÜSSEN, wie unfähig sie sind, und was alles falsch ist an dem, was sie machen. Mißerfolge sind noch keine Fehler, für die man sich schämen muss. Sie sind lediglich Gründe, es anders zu versuchen. Und so wird probiert und probiert, bis es funktioniert. Der Erfolg ist dann ungeteilt ein eigener, kein Erzieher kann ihn als Folge seiner Ratschläge und Eingriffe beanspruchen.

Manche Menschen können sich diese Art zu lernen für ihr ganzes Leben bewahren. Wenn sie sich für irgendetwas interessieren, beschäftigen sie sich solange damit, bis sie es können. Man nennt sie Autodidakten, also Selbstbeibringer, und schon diese spezielle Bezeichnung macht klar, dass es nicht als normal angesehen wird. Es ist so, als würde man Menschen, die zum Essen keine fremde Hilfe brauchen, Selbstfütterer nennen.

Als normal wird angesehen, dass es zum Lernen Lehrer oder Erzieher braucht, die mit Druck oder Anreizen zum Lernen motivieren, die Lernziele bestimmen oder vermitteln und den Lernprozeß lenken. Vermutlich trägt der Mangel der Erwachsenen an eigener Lernmotivation zu
dieser Vorstellung bei. Später, wenn den meisten Schülern die Lust am Lernen vergangen ist, wird dies auch noch als Bestätigung dafür gesehen, dass Kinder ohne Druck von außen nichts lernen würden. Da es aufgrund der Schulpflicht nur wenige Menschen gibt, die das Glück hatten, ihr Lernen selbstbestimmt gestalten zu dürfen, gibt es auch nur wenige Beispiele dafür, dass die Freude am Lernen selbstverständlich sein könnte und zwar unabhängig vom Alter.

Zwischen Anpassung und Rebellion

Mit dem Erwerb der Sprache ist das Kleinkind weit stärker als vorher mit der umgebenden Kultur verbunden. Einerseits kann es dadurch seine  Lernmöglichkeiten enorm erweitern. Es kann Fragen stellen, sich Erklärungen anhören und mehr und mehr auch Gespräche verstehen, die
zwischen anderen stattfinden. Andererseits ist es weit mehr als vorher Einflüssen und Zugriffen auf seine Seele ausgesetzt, die sein Lernverhalten empfindlich stören können. Zwar kann es schon vorher schlecht behandelt und dadurch geschädigt werden, doch erst mit dem Antworten-können kann es dafür wirklich verantwortlich gemacht werden.

Damit sind die Türen offen für Fremdbestimmung und Erziehung, für das Bedürfnis der Erwachsenen, Kinder nach ihren eigenen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu formen, sich und die Gesellschaft in ihnen zu reproduzieren. Es wird gelobt und getadelt, versprochen und gedroht, zurechtgewiesen, kontrolliert, beschämt und gedemütigt, um das Verhalten der Kinder dem Idealbild anzunähern.

Das kann die Kinder in schwere innere Konflikte mit ihrer Eigenmotivation bringen. Die Aufgabe ist nicht mehr allein, sich selbst und die Welt kennenzulernen und sich damit auf die Welt einzustellen. Sie werden mit Forderungen konfrontiert, die nur erfüllbar sind, wenn sie sich gegen sich selbst wenden, gegen die eigene Natur, die sie bis dorthin gebracht hat. Das Schlimmste daran ist, dass diese Forderungen noch ausgerechnet von den Menschen kommen, von deren Unterstützung und Zuwendung sie abhängig sind.

Je nach Härte des Konflikts und der Vorerfahrungen der Kinder entscheiden sie sich ganz unterschiedlich. Viele wählen den Weg, den der Psychoanalytiker Arno Gruen als „Der Verrat am Selbst“ beschreibt. Er beruht auf einem psychischen Mechanismus, der „Identifikation mit dem
Aggressor“ genannt wird. Aus Angst vor der Macht der Eltern und der Gesellschaft geben sie ihr Selbst auf und suchen sich eine neue Identität als Teil dieser Macht. Sie werden brav und gehorsam und versuchen zu lernen, was von ihnen verlangt wird.

Doch dieses Lernen unterscheidet sich grundsätzlich vom ursprünglichen selbstbestimmten Lernen. Die Verbindung zum unterdrückten Selbst ist reduziert bis unterbrochen und so fehlt zweierlei. Erstens das Interesse ( das Gefühl dafür, was sich zu lernen lohnt) und zweitens die Freude (das Gefühl, mit dem, was man tut, auf dem richtigen Weg zu sein ). Nicht mehr die Freude bestimmt das Leben, sondern ihr Gegenteil, die Angst. Denn die Angst vor der Macht wird durch den Verrat am Selbst zwar besänftigt, doch sie verschwindet nicht, bestenfalls bleibt sie im Hintergrund. Es geht nicht mehr um die Freude am Erweitern der Fähigkeiten, sondern nur noch um das Vermeiden von angstauslösenden Situationen.

Andere Kinder entscheiden sich für Rebellion, für Kampf und Widerstand gegen Erziehung und Gesellschaft. Damit erhalten sie sich zwar die Verbindung zu ihrem Selbst und prinzipiell auch zu ihrer Lebensfreude, doch kommen sie selten dazu, sie zu genießen, da sie sich fast ständig
im Kampf befinden. Es fällt ihnen leicht, außergewöhnliches oder von Eltern und Gesellschaft unerwünschtes zu lernen. Doch sind sie oft blockiert, das zu lernen, was von ihnen verlangt oder erwartet wird, da sie Anpassung oder Gehorsam als Verrat empfinden.

Ein weiterer Weg, auf den Konflikt zwischen Selbst und Forderungen von Außen zu reagieren, ist der ständige Wechsel zwischen Anpassung und Rebellion. Im Alltag regiert die Disziplin, doch nach Feierabend, zum Wochenende oder einmal im Quartal wird dann ‚die Sau rausgelassen‘, das unterdrückte, zu kurz gekommene Selbst, das sich dann oft – von der Vernunft getrennt – als Sucht darstellt. Die Lernproblematik dabei ist eine Kombination des angepassten, interesse- und freudlosen Lernens im Alltag und des rebellischen Lernens in der Suchtphase.

Wie Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch „Zur Vernunft kommen“ klarstellt, liegen die größten Behinderungen und Beschränkungen der Vernunft im psychischen Bereich. Die Seele hat die Macht, Gedanken zu blockieren oder zu fördern. Er zieht daraus die Konsequenz, dass mit den Seelen schonend umzugehen ist, sowohl mit der eigenen als auch mit denen der Mitmenschen, also auch der Kinder.

Wissenslager und Lernfabriken

Doch es gibt auch Lernprobleme, die mehr kognitiver Art sind, die auch dann auftreten können, wenn Eltern mit der Seele ihrer Kinder schonend umgehen und die oben genannten Konflikte vermeiden. Zum Beispiel der Lernstau durch zuviele Lernanreize. Gerade wenn Eltern von den
Lernerfolgen ihrer Sprößlinge überrascht sind, glauben sie oft, sie müßten die Chance nutzen und ihnen noch viel mehr zum Lernen anbieten. Der falsche Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ verleitet sie dazu. Doch ein Zuviel an zu Lernendem hat denselben Effekt wie Ware in den Gängen eines Warenlagers, es ist ständig im Weg.

Bei einem Bewußtsein ist es wie bei einem Warenlager garnicht so entscheidend, wieviel drin ist, sondern ob und wie schnell das zu finden ist, was gebraucht wird. Ebenso ist von Bedeutung, wie leicht und schnell neue Erkenntnisse und neues Wissen eingeordnet werden können.
Lernen ist also nicht nur das Ansammeln von Wissen, sondern auch die Suche nach einer optimalen Organisation dieses Wissens. Die erfordert aber immer wieder Umstrukturierungen, die bei ständigem Leistungsdruck garnicht möglich sind. Bei selbstbestimmt Lernenden sind das die scheinbar unproduktiven Phasen, die sich mit lernintensiven Phasen abwechseln.

Kommen wir zur Schule, dem Ort, an dem angeblich das eigentliche Lernen stattfindet, der Institution, die genau diesem Zweck gewidmet ist. Nichts gegen Lernorte, wo sich Menschen jeden Alters zum Lernen treffen können. Doch die bestehende Schule mit Anwesenheitspflicht, Lehrplänen, Klassensystem und Benotung ist eher zum Abgewöhnen des Lernens geeignet.
Alle oben aufgeführten Behinderungen des Lernens und der Freude daran sind auch hier zu finden. Doch sie ist ein Mythos, ein bürgerliches Heiligtum, aufgeladen mit Werten und Bedeutung, zwar selten geliebt, aber doch als unantastbar und unverzichtbar gesehen.

Für die meisten Erwachsenen ist es eine demütigende Vorstellung, noch einmal „die Schulbank drücken zu müssen“. Doch die Konsequenz, Schule und Schulpflicht gründlich zu überdenken und zu ändern, wird daraus leider äußerst selten gezogen. Obwohl das Leiden an ihr, ihr Stress und ihre Langeweile bekannt sind, wird ihre Notwendigkeit eher vehement verteidigt. Eine Erklärung dafür wäre, dass die Erfahrung des Erlittenen besser mit der Vorstellung zu ertragen ist, dass es ohne dies garnicht geht. So wird dem Leiden lieber nachträglich ein Sinn gegeben. Möglich auch, daß es eine Angst vor einer veränderten Gesellschaft ist, zu der die vollzogene Anpassung nicht mehr passt.

Dazu kommt, das Erwachsene oft die Verbindung zu Kindern und zu ihrer eigenen Kindheit verlieren. Etwa zeitgleich mit dem Ende der Schulpflicht erreichen sie den Erwachsenenstatus und möchten damit die Vergangenheit vergessen und verdrängen. Nun gehören sie nicht mehr zu denen, die lernen müssen, sondern zu den fertigen Menschen, die alles wichtige schon wissen. Diese Distanzierung verstärkt natürlich eine lernfeindliche Haltung und ermöglicht ihnen, die schulischen Zwänge, die sie für sich selbst als unzumutbar sehen, bei Kindern für richtig zu halten.

Die Freude am Lernen wiederfinden ?

Es ist relativ einfach, etwas für die Kinder zu tun, damit sie die Freude am Lernen nicht verlieren. Vor allem akzeptieren, dass es ihr Lernen ist. Manchmal können wir es unterstützen, aber fast immer können wir vermeiden, es zu stören. Wir sollten sie nicht (r)unterrichten, doch manchmal können wir sie etwas aufrichten.

Nicht immer einfach ist es dagegen für uns Erwachsene, die Lernfreude wiederzufinden. Es gibt einen Weg, der für jeden anders ist, aber je nach Lebensgeschichte kann er lang und beschwerlich sein. Er fängt damit an, nichts mehr zu geben auf das Erwachsensein und Kontakt aufzunehmen mit dem Kind, das noch in dir steckt. Deinen weiteren Weg wird es dir zeigen.

Jobst Quis

geschrieben für den nächsten  Zeitpunkt

1.Arno Gruen – Der Verrat am Selbst       – dtv ISBN 3-423-08581-9
2.Ekkehard von Braunmühl – Zur Vernunft kommen – Beltz ISBN 3-407-34036-2