Schlagwort-Archive: Freundschaft

Über die Freude, gemieden und verachtet zu sein

Jetzt möcht ich gern mal mein derzeitiges Lieblingsgedicht vorstellen. Als Gruß an alle Künstler, die ihre Kunst wichtiger nehmen als den Erfolg und deshalb meist im Verborgenen blühen.

Schmach
von Kahlil Gibran
(Im Original „Defeat“ aus „The Mad Man“)

Schmach, meine Schmach, meine Einsamkeit und Weite,
bist mir lieber als tausend Triumphe,
meinem Herzen süßer als aller Ruhm der Welt.

Schmach, meine Schmach, mein Selbsterkennen und mein Trotz,
durch dich weiß ich, dass ich noch jung und leichtfüßig bin
und welkendem Lorbeer nicht in die Falle geh.
In dir nur fand ich Alleinigkeit
und die Freude, gemieden und verachtet zu sein.

Schmach, meine Schmach, mein glänzend Schwert und Schild,
in deinen Augen las ich,
dass gekrönt zu werden Versklavung ist,
verstanden zu werden Erniedrigung bedeutet,
und begriffen zu werden Erntezeit,
wie eine reife Frucht zu fallen und verzehrt zu werden.

Schmach, meine Schmach, mein kühner Gefährte,
sollst meine Lieder hören, meine Schreie und mein Schweigen,
niemand außer dir soll vom Schlagen der Flügel mir sprechen,
vom Drängen der Meere
und vom Brennen der Berge bei Nacht,
du allein sollst meine steile, felsige Seele erklimmen.

Schmach, meine Schmach, mein unsterblicher Mut,
du und ich werden lachen gemeinsam mit dem Sturm,
gemeinsam werden wir Gräber schaufeln für alle, die in uns sterben,
wir werden in der Sonne stehen mit einem Willen,
und wir werden gefährlich sein.