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Zeitenwende rückwärts

Die derzeitige politische Stimmungslage ist mehr als deprimierend, sie ist niederschmetternd. In einer Zeit, in der es dringender denn je wäre, weltweit friedlich und einvernehmlich die Probleme der planetarischen Lage anzugehen, wird nur noch auf Waffengewalt gesetzt. Diffamiert werden nicht nur jegliche Bemühungen um Frieden, sondern sogar jedes Zögern bei der Eskalation und jeder nichtfeindliche Umgang mit Russland in der Vergangenheit.

Zeitenwende wird es genannt, zu Recht, aber es ist eine Wende zurück zu den finsteren Zeiten der Weltgeschichte. Zurück zu Militarismus und einer puren Machtpolitik, die in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts schon fast überwunden schien. Die Kriegsbegeisterung zu Beginn des ersten Weltkriegs und das Ja zum totalen Krieg schienen uns völlig unverständlich. Jetzt bekommen wir den militaristischen Wahnsinn live und aktuell vorgeführt.

100 Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren von Deutschland im Namen der Abschreckung für Aufrüstung ausgeben werden. Geld, das dringend gebraucht würde, um sozialverträglich auf die Klimakatastrophe zu reagieren. Dabei zeigt doch gerade dieser Krieg das Versagen der Abschreckung. Denn sie setzt Rationalität voraus und missachtet den emotionalen Teil der menschlichen Natur. Einen Amokläufer oder Selbstmordattentäter kann man selbst mit der Todesstrafe nicht abschrecken. Wenn Emotionen wie Hass, Rache und Machtrausch stärker sind als der rationale Wunsch zu überleben, hat Abschreckung keine Wirkung mehr.

Die derzeitige Situation ist ein Dilemma, in dem jede Reaktion etwas Falsches hat. Gibt man Putin nach, belohnt man unerwünschtes Verhalten. Mehr Waffen aber führen zur Eskalation mit dem Risiko eines Atomkriegs, der das ganze menschliche Leben auf der Erde gefährdet. Wirkliche Friedenspolitik muss verhindern, dass es überhaupt zu solchen ausweglosen Situationen kommt.

Jeder Konflikt ist ein System gegenseitiger Wechselwirkungen. Aktionen aus Hass und Härte füttern den Hass und die Rache der Gegenseite. Niemand hätte den Militarismus des Westens mehr stärken können als Putin, seine Macht beruht aber ebenso auf NATO-Verhalten. Verstärkt werden Konflikte durch jeweils einseitige Betrachtung, die den Anteil der eigenen Seite an der Vorgeschichte ignoriert. Das Böse der Gegenseite entschuldigt alles Fehlverhalten, das zum Konflikt geführt hat. Das Teuflische an Putin lässt die Ukrainer als Engel erscheinen und macht den ukrainischen Botschafter zu Deutschlands höchster Instanz, vor der alle anderen zu kuschen haben.

Rechtzeitiger Respekt und Verständnis sind ein Weg zum Frieden. Es scheint aber, als wäre Frieden gar nicht mehr erwünscht.