Schlagwort-Archive: schule

Druck – die ungesehene Gewalt

Von hohen erzieherische Idealen zu tiefen seelischen Störungen

Über viele Jahrhunderte war Gewalt in der Erziehung normal und üblich, inzwischen ist sie zum Glück verpönt. Seit dem Jahr 2000 sind im Bürgerlichen Gesetzbuch Regeln für den Schutz von Kindern festgeschrieben: „Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“. Ergibt sich daraus nun ein goldenes Zeitalter für Kinder? Es gibt glückliche Kinder, doch sie scheinen eher eine Minderheit zu sein. Wer in den 60ern zur Schule ging, dem wird seine Schulzeit recht locker vorkommen im Vergleich mit den Problemen in und um Schule der Kinder und Jugendlichen von heute.

Mit dem Bekenntnis zur Gewaltfreiheit haben sich die Vorstellungen von der Notwendigkeit der Erziehung nicht wesentlich geändert. Das Kind ist weiterhin Objekt von Wunschvorstellungen und Erziehungszielen, die nicht weniger, sondern mehr und mehr werden und unbarmherziger verfolgt werden. Da stellt sich die Frage, wie das, was früher mit Gewalt erreicht oder zu erreichen versucht wurde, heute auf „gewaltfreiem“ Weg angestrebt wird.

Gewalt ohne Täter?

Im Allgemeinen wird Gewalt als eine Tat angesehen, es gibt einen oder mehrere Täter sowie ein oder mehrere Opfer. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat jedoch festgestellt, dass die Ursachen und die Dynamik von Gewalt erst verständlich werden, wenn man den Gewaltbegriff von der sichtbaren Tat erweitert um die kulturelle und die strukturelle Gewalt. Unter kultureller Gewalt versteht er Denk- und andere Gewohnheiten, die Gewalt rechtfertigen oder veranlassen. Zur strukturellen Gewalt zählen Macht- und Gesellschaftsstrukturen, die wie direkte Gewalt eine vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender Bedürfnisse oder Entfaltung der Möglichkeiten von Menschen bewirken.  http://them.polylog.org/5/fgj-de.htm

Die Auswirkungen von Gewalt sind neben körperlichen Schäden vor allem psychische Beeinträchtigungen: Angst und Scham als direkte Emotionen, die dann Entmutigung und vermindertes Selbstwertgefühl nach sich ziehen. Eine solche Einschüchterung ist meist auch vom Täter gewollt, um eigene Interessen durchzusetzen. Nun sind viele Menschen eingeschüchtert, mutlos und voller Selbstzweifel, ohne dass ihnen offensichtlich Gewalt angetan wurde. Das spricht dafür, dass hier eine subtile Form von Gewalt am Werke ist, die nicht so leicht einem Täter und einer Tat zuzuordnen ist. Sie könnte identisch sein mit der kulturellen und strukturellen Gewalt, die Galtung anspricht.

Von den Betroffenen wird diese subtile Gewalt als Druck empfunden und benannt, als etwas Schweres, was niederdrückt und dem man viel Kraft entgegensetzen muss, um nicht erdrückt zu werden. Zwang ist etwas ähnliches, allerdings hat Zwang ein eindeutiges Ziel, was der Gezwungene tun soll. Druck dagegen ist eher diffus, er hat nur eine Richtung, dem Betroffenen wird zusätzlich zugemutet, selbst herauszufinden, wie er dem Druck nachgeben kann.

(Er)Ziehen und (Er)Drücken

Physikalisch gesehen ist Druck eine Art der Kraftübertragung von einem Körper zu einem anderen. Mit der Folge, dass der zweite Körper bewegt wird, wenn keine ebenso starke Gegenkraft vorhanden ist. Die Richtung der Bewegung ist beim Druck von der bewirkenden Kraft weg. Die entgegengesetzte Art der Kraftübertragung ist der Zug, hier ist die Bewegungsrichtung zur Kraft hin. Druck wirkt durch Abstoßung, der Zug durch Anziehung.

Der Unterschied zeigt sich, wenn das Objekt beweglich ist. Mit einem Seil kann man ziehen, aber man kann damit keinen Druck übertragen. Beim Druck auf ein Objekt versucht dieses auszuweichen, wenn immer das möglich ist. Um Druck anzuwenden, braucht es eine Struktur, die jedes Ausweichen verhindert. Ohne die Schulpflicht und ein ganzes System der Kontrolle über Ausweichmöglichkeiten könnte über die Schulen kein Druck auf die Schüler ausgeübt werden, sie würden einfach wegbleiben.

Freiwilliges Lernen geschieht über Anziehungskräfte, übers Interesse und die Freude und Vorfreude am Können und Wissen. Dafür braucht es keine Machtstrukturen und Kontrollen. Aber unser Gesellschaftssystem baut nicht auf Freiwilligkeit. Wenn es so wäre, müssten beispielsweise die unangenehmsten Arbeiten am besten bezahlt werden. Es ist aber eher umgekehrt, sie werden am schlechtesten entlohnt und am wenigsten anerkannt. Und das ist so gewollt von denen, die von den Niedriglöhnen profitieren. Dafür braucht es Verlierer, Menschen, die das hinnehmen, ohne sich zu wehren. Um diese Interessen durchzusetzen, braucht es Druck, Machtstrukturen und Kontrolle über die Ausweichmöglichkeiten, kurz gesagt: die strukturelle Gewalt. Dazu aber auch noch die kulturelle Gewalt, die Denkweisen und Vorstellungen, dass das alles normal, richtig und unabänderlich ist.

Kein Mensch wird als Verlierer geboren, dazu muss er erzogen werden, oder treffender gesagt: erdrückt. Er muss an den Druck gewöhnt werden, der ihn später dazu zwingt, die Dreckarbeit zu erledigen. Auch das ist Aufgabe der Schule, die Hierarchien zu erhalten, die oberen wie die unteren Positionen zu verteilen. In den Festreden und Schriften zur Begründung von Schule kommt dies natürlich nicht vor. Ohne diese Aufgabe, wenn es wirklich nur um optimale Bildung ginge, könnte Schule ganz anders sein, erfreulicher für Schüler und Lehrer. Dass sie so bleiben muss, wie sie schon immer war, liegt genau daran.

Konflikte, Spannung und Widerstand

Eltern und Lehrer sind diejenigen Erwachsenen, die am meisten mit den Schülern zu tun haben. Dennoch wäre es zu kurz gedacht, sie als alleinige Verursacher des Drucks zu sehen. Der Druck kommt aus der ganzen Gesellschaft. Eltern und Lehrer sehen sich nur als Überbringer der schlechten Botschaft, dass die Welt nun mal eben so ist.

Ganz unschuldig am Druck sind Eltern und Lehrer aber auch nicht. Der Druck kommt von oben, aber sie machen mit, geben den Druck weiter, meistens, um Konflikte mit der Macht von oben zu vermeiden. Konflikte treten auf, wo die Spannung groß ist, und die Spannung verteilt sich nach den Widerständen. Das gilt in einer Hierarchiekette ebenso wie bei einer Serienschaltung in der Elektrophysik. Die Gesamtspannung ist die Differenz zwischen der menschlichen Natur und dem Idealbild von Menschen, wie es von den Mächtigen in Wirtschaft und Politik als idealer Arbeiter, Konsument und Untertan gewünscht wird. Auf dem Weg von Oben nach Unten zum betroffenen Schüler hin wäre theoretisch überall Widerstand zum Druck von oben möglich, da er aber praktisch kaum vorhanden ist, bleibt fast die gesamte Spannung und das ganze Konfliktpotential unten, in Schule und Elternhaus.

In der offiziellen Schulhierarchie von der Kultusministerkonferenz bis zum Lehrer ist der fehlende Widerstand nicht weiter verwunderlich – mutige Lehrer, die den Druck nicht weitergeben, sondern abmildern, waren schon immer Ausnahmen. Doch dass jetzt auch die meisten Eltern den Druck in der Schule als selbstverständlich und unvermeidlich akzeptieren, ist eine neuere Entwicklung.

Nach der Einführung der Schulpflicht gab es massive Widerstände von Eltern dagegen. Zwar war das nicht immer im Interesse der Kinder, oft ging es auch nur darum, die Arbeitskraft der Kinder zu nutzen. Doch immerhin waren die Forderungen von Schule und Elternhaus unterschiedlich, sie konnten gegeneinander ausgespielt werden, es gab mehr Lücken im System, mehr Möglichkeiten, auszuweichen. Der Druck der Schule über die Noten war auszuhalten, solange die Eltern nicht soviel Wert darauf legten.

Die Vorstellungen, dass das spätere Lebensglück von den Noten in der Schule abhängt, und dass Konkurrenz und Leistungsdruck natürlich und unvermeidbar ist, sind auch deshalb von Eltern und der ganzen Gesellschaft übernommen worden, weil der Druck in der Arbeitswelt zugenommen hat. Existenzängste aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Löhne im unteren Bereich werden zu Sorgen um die Zukunft der Kinder, von denen die Wahrnehmung ihres gegenwärtigen Unwohlseins überdeckt wird. Weil sie sich selbst an die Anforderungen von Oben angepasst haben , halten sie es auch für die beste oder einzige Überlebensstrategie für ihre Kinder.

Der letzte Konflikt

Wenn auch die Schüler den Widerstand aufgeben und die Sichtweise der Gesellschaft übernehmen und das wollen, was sie wollen sollen, scheint es für die Erzieher ein Erfolg, ein Erziehungsziel ist erreicht. Doch für viele Schüler fängt das Drama damit erst richtig an, denn der Konflikt zwischen Idealbild und menschlicher Natur ist damit nicht gelöst, er ist nur ins Innere der Seele verschoben, wo er sich verheerend auswirken kann. Der Wille und das Bewusstsein ist ja nur ein Teil des ganzen Menschen, das Unterbewusstsein und der Körper machen nicht alles mit, was der Wille sich vornimmt. Der Konflikt im Inneren wird zum Kampf gegen sich selbst, der im Extremfall bis zur Selbsttötung gehen kann.

Seit Jahrmillionen haben Kinder draußen frei herumstreunend die Welt erkundet, darauf hat sich die menschliche Natur eingestellt. Deshalb fühlt sich die menschliche Natur nicht wohl dabei, ein Leben wie in der Schule zu führen. Stundenlang stillzusitzen und den Kopf mit Informationen zu füllen, die kaum Bezug zum restlichen Leben haben, ist nicht gerade das, was sie vom Leben erwartet. Mit Glücksversprechen für die ferne Zukunft kann das Unterbewusstsein, die körpernahe Intelligenz, nicht viel anfangen, doch bei unerträglicher Gegenwart sucht sie nach Auswegen.

Diese Auswege führen zu Symptomen, die dann als krankhaft gesehen werden. Als Reaktion auf die Langeweile wird in der Freizeit nach rauschhaftem Erleben gesucht, es kommt zu Süchten aller Art. Bei Mangel an Erfolgserlebnissen, an Freude und Begeisterung gehen die Lebensfunktionen auf Sparflamme, was dann als Depression diagnostiziert wird. Wenn das Unterbewusstsein dagegen noch über viel Energie verfügt, rebelliert es gegen die Anpassung des Bewusstseins und bringt damit genau die Symptome hervor, die der neu entdeckten Krankheit ADHS zugeschrieben werden: innere Unruhe, Ablenkung, impulsives Verhalten, Hyperaktivität.

Die Anerkennung als krank ist für den Betroffenen erst mal entlastend, er wird nicht mehr so sehr als faul, bösartig oder unwillig attackiert. Doch zugleich wird damit die Norm und die Normalität des schulischen Druckes vor Kritik geschützt. Am kranken Schüler stimmt etwas nicht, seine Natur ist fehlerhaft, er muss behandelt werden. Die Schule als Beteiligte am Konflikt gerät aus dem Blickfeld, an ihr etwas zu ändern, kommt niemandem mehr in den Sinn.

Mit Medikamenten geht die Konfliktverschiebung noch einen Schritt weiter, nun wird auf biochemischer Ebene ins Gehirn eingegriffen, um Erziehungsziele durchzusetzen. Mit Ritalin wird das störende Unterbewusstsein betäubt, mit Antidepressiva die Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt.

Bezahlt wird mit lebenslanger Medikamentenabhängigkeit und Nebenwirkungen, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Das Erschreckende ist das blinde Funktionieren des Systems, der gemeinsam abgewendete Blick. Statt den Mangel an Freude und Begeisterung zu bemerken, werden Antidepressiva gegeben. Statt ein natürliches Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung anzuerkennen, wird Ritalin verordnet. Schöne neue Welt – wir sind angekommen!

Jobst Quis

Geschrieben für Unerzogen-Magazin 1/14 http://www.unerzogen-magazin.de/

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wo bleibt die Freude am Lernen ?

Wenn die Wirtschaft Flexibilität und lebenslanges Lernen fordert, ist es richtig, diese Forderungen zurückzuweisen. Jedoch nicht, weil diese Ideale falsch wären, sondern weil sie mit dem Anspruch verbunden sind, dass alle Lebensbereiche wirtschaftlichen Interessen und Erwägungen zu unterwerfen sind. Im Prinzip ist es eine Drohung und vorweggenommene Schuldzuweisung: Wenn du deinen Arbeitsplatz oder deine soziale Stellung verlierst, bist du selbst schuld, weil du nicht flexibel und lernwillig genug bist.

Doch die Bereitschaft, sich mit ungewohnten Situationen und Anforderungen auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen, hat nicht nur für die Wirtschaft ihren Wert, sondern für das Leben und Überleben allgemein. Sie kann sogar dazu beitragen, sich von der Wirtschaft unabhängiger zu machen, sich ihren Zwängen zu entziehen und die Überlebenschancen zu verbessern, falls sie zusammenbrechen sollte.

Bei kleinen Kindern gibt es keinen Mangel an Flexibilität und Lernbereitschaft. Für sie ist Lernen noch Lust und pure Lebensfreude. Sie lernen u.a. krabbeln, gehen, laufen und sprechen, ohne dass jemand ihnen das beibringen könnte. Das Lernen und die Freude daran ist den Menschen also angeboren. Wenn es nun bei den meisten Erwachsenen einen Mangel daran gibt, stellt sich die Frage, wo denn die Lernfreude geblieben ist, wo und wie sie auf dem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen verlorengegangen ist. Und ob es eine Chance gibt, sie wiederzufinden.

Das erste Lernen von Säuglingen und Kleinkindern erfolgt größtenteils selbstbestimmt, aus eigenem angeborenen Antrieb. Dieses Glück verdanken sie oft ihrer noch eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit. Noch kann ihnen keiner sagen, was sie lernen MÜSSEN, wie unfähig sie sind, und was alles falsch ist an dem, was sie machen. Mißerfolge sind noch keine Fehler, für die man sich schämen muss. Sie sind lediglich Gründe, es anders zu versuchen. Und so wird probiert und probiert, bis es funktioniert. Der Erfolg ist dann ungeteilt ein eigener, kein Erzieher kann ihn als Folge seiner Ratschläge und Eingriffe beanspruchen.

Manche Menschen können sich diese Art zu lernen für ihr ganzes Leben bewahren. Wenn sie sich für irgendetwas interessieren, beschäftigen sie sich solange damit, bis sie es können. Man nennt sie Autodidakten, also Selbstbeibringer, und schon diese spezielle Bezeichnung macht klar, dass es nicht als normal angesehen wird. Es ist so, als würde man Menschen, die zum Essen keine fremde Hilfe brauchen, Selbstfütterer nennen.

Als normal wird angesehen, dass es zum Lernen Lehrer oder Erzieher braucht, die mit Druck oder Anreizen zum Lernen motivieren, die Lernziele bestimmen oder vermitteln und den Lernprozeß lenken. Vermutlich trägt der Mangel der Erwachsenen an eigener Lernmotivation zu dieser Vorstellung bei. Später, wenn den meisten Schülern die Lust am Lernen vergangen ist, wird dies auch noch als Bestätigung dafür gesehen, dass Kinder ohne Druck von außen nichts lernen würden. Da es aufgrund der Schulpflicht nur wenige Menschen gibt, die das Glück hatten, ihr Lernen selbstbestimmt gestalten zu dürfen, gibt es auch nur wenige Beispiele dafür, dass die Freude am Lernen selbstverständlich sein könnte und zwar unabhängig vom Alter.

Zwischen Anpassung und Rebellion

Mit dem Erwerb der Sprache ist das Kleinkind weit stärker als vorher mit der umgebenden Kultur verbunden. Einerseits kann es dadurch seine  Lernmöglichkeiten enorm erweitern. Es kann Fragen stellen, sich Erklärungen anhören und mehr und mehr auch Gespräche verstehen, die zwischen anderen stattfinden. Andererseits ist es weit mehr als vorher Einflüssen und Zugriffen auf seine Seele ausgesetzt, die sein Lernverhalten empfindlich stören können. Zwar kann es schon vorher schlecht behandelt und dadurch geschädigt werden, doch erst mit dem Antworten-können kann es dafür wirklich verantwortlich gemacht werden.

Damit sind die Türen offen für Fremdbestimmung und Erziehung, für das Bedürfnis der Erwachsenen, Kinder nach ihren eigenen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu formen, sich und die Gesellschaft in ihnen zu reproduzieren. Es wird gelobt und getadelt, versprochen und gedroht, zurechtgewiesen, kontrolliert, beschämt und gedemütigt, um das Verhalten der Kinder dem Idealbild anzunähern.

Das kann die Kinder in schwere innere Konflikte mit ihrer Eigenmotivation bringen. Die Aufgabe ist nicht mehr allein, sich selbst und die Welt kennenzulernen und sich damit auf die Welt einzustellen. Sie werden mit Forderungen konfrontiert, die nur erfüllbar sind, wenn sie sich gegen sich selbst wenden, gegen die eigene Natur, die sie bis dorthin gebracht hat. Das Schlimmste daran ist, dass diese Forderungen noch ausgerechnet von den Menschen kommen, von deren Unterstützung und Zuwendung sie abhängig sind.

Je nach Härte des Konflikts und der Vorerfahrungen der Kinder entscheiden sie sich ganz unterschiedlich. Viele wählen den Weg, den der Psychoanalytiker Arno Gruen als „Der Verrat am Selbst“ beschreibt. Er beruht auf einem psychischen Mechanismus, der „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt wird. Aus Angst vor der Macht der Eltern und der Gesellschaft geben sie ihr Selbst auf und suchen sich eine neue Identität als Teil dieser Macht. Sie werden brav und gehorsam und versuchen zu lernen, was von ihnen verlangt wird.

Doch dieses Lernen unterscheidet sich grundsätzlich vom ursprünglichen selbstbestimmten Lernen. Die Verbindung zum unterdrückten Selbst ist reduziert bis unterbrochen und so fehlt zweierlei. Erstens das Interesse ( das Gefühl dafür, was sich zu lernen lohnt) und zweitens die Freude (das Gefühl, mit dem, was man tut, auf dem richtigen Weg zu sein ). Nicht mehr die Freude bestimmt das Leben, sondern ihr Gegenteil, die Angst. Denn die Angst vor der Macht wird durch den Verrat am Selbst zwar besänftigt, doch sie verschwindet nicht, bestenfalls bleibt sie im Hintergrund. Es geht nicht mehr um die Freude am Erweitern der Fähigkeiten, sondern nur noch um das Vermeiden von angstauslösenden Situationen.

Andere Kinder entscheiden sich für Rebellion, für Kampf und Widerstand gegen Erziehung und Gesellschaft. Damit erhalten sie sich zwar die Verbindung zu ihrem Selbst und prinzipiell auch zu ihrer Lebensfreude, doch kommen sie selten dazu, sie zu genießen, da sie sich fast ständig im Kampf befinden. Es fällt ihnen leicht, außergewöhnliches oder von Eltern und Gesellschaft unerwünschtes zu lernen. Doch sind sie oft blockiert, das zu lernen, was von ihnen verlangt oder erwartet wird, da sie Anpassung oder Gehorsam als Verrat empfinden.

Ein weiterer Weg, auf den Konflikt zwischen Selbst und Forderungen von Außen zu reagieren, ist der ständige Wechsel zwischen Anpassung und Rebellion. Im Alltag regiert die Disziplin, doch nach Feierabend, zum Wochenende oder einmal im Quartal wird dann ‚die Sau rausgelassen‘, das unterdrückte, zu kurz gekommene Selbst, das sich dann oft – von der Vernunft getrennt – als Sucht darstellt. Die Lernproblematik dabei ist eine Kombination des angepassten, interesse- und freudlosen Lernens im Alltag und des rebellischen Lernens in der Suchtphase.

Wie Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch „Zur Vernunft kommen“ klarstellt, liegen die größten Behinderungen und Beschränkungen der Vernunft im psychischen Bereich. Die Seele hat die Macht, Gedanken zu blockieren oder zu fördern. Er zieht daraus die Konsequenz, dass mit den Seelen schonend umzugehen ist, sowohl mit der eigenen als auch mit denen der Mitmenschen, also auch der Kinder.

Wissenslager und Lernfabriken

Doch es gibt auch Lernprobleme, die mehr kognitiver Art sind, die auch dann auftreten können, wenn Eltern mit der Seele ihrer Kinder schonend umgehen und die oben genannten Konflikte vermeiden. Zum Beispiel der Lernstau durch zuviele Lernanreize. Gerade wenn Eltern von den Lernerfolgen ihrer Sprößlinge überrascht sind, glauben sie oft, sie müßten die Chance nutzen und ihnen noch viel mehr zum Lernen anbieten. Der falsche Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ verleitet sie dazu. Doch ein Zuviel an zu Lernendem hat denselben Effekt wie Ware in den Gängen eines Warenlagers, es ist ständig im Weg.

Bei einem Bewußtsein ist es wie bei einem Warenlager garnicht so entscheidend, wieviel drin ist, sondern ob und wie schnell das zu finden ist, was gebraucht wird. Ebenso ist von Bedeutung, wie leicht und schnell neue Erkenntnisse und neues Wissen eingeordnet werden können. Lernen ist also nicht nur das Ansammeln von Wissen, sondern auch die Suche nach einer optimalen Organisation dieses Wissens. Die erfordert aber immer wieder Umstrukturierungen, die bei ständigem Leistungsdruck garnicht möglich sind. Bei selbstbestimmt Lernenden sind das die scheinbar unproduktiven Phasen, die sich mit lernintensiven Phasen abwechseln.

Kommen wir zur Schule, dem Ort, an dem angeblich das eigentliche Lernen stattfindet, der Institution, die genau diesem Zweck gewidmet ist. Nichts gegen Lernorte, wo sich Menschen jeden Alters zum Lernen treffen können. Doch die bestehende Schule mit Anwesenheitspflicht, Lehrplänen, Klassensystem und Benotung ist eher zum Abgewöhnen des Lernens geeignet.

Alle oben aufgeführten Behinderungen des Lernens und der Freude daran sind auch hier zu finden. Doch sie ist ein Mythos, ein bürgerliches Heiligtum, aufgeladen mit Werten und Bedeutung, zwar selten geliebt, aber doch als unantastbar und unverzichtbar gesehen.

Für die meisten Erwachsenen ist es eine demütigende Vorstellung, noch einmal „die Schulbank drücken zu müssen“. Doch die Konsequenz, Schule und Schulpflicht gründlich zu überdenken und zu ändern, wird daraus leider äußerst selten gezogen. Obwohl das Leiden an ihr, ihr Stress und ihre Langeweile bekannt sind, wird ihre Notwendigkeit eher vehement verteidigt. Eine Erklärung dafür wäre, dass die Erfahrung des Erlittenen besser mit der Vorstellung zu ertragen ist, dass es ohne dies garnicht geht. So wird dem Leiden lieber nachträglich ein Sinn gegeben. Möglich auch, daß es eine Angst vor einer veränderten Gesellschaft ist, zu der die vollzogene Anpassung nicht mehr passt.

Dazu kommt, das Erwachsene oft die Verbindung zu Kindern und zu ihrer eigenen Kindheit verlieren. Etwa zeitgleich mit dem Ende der Schulpflicht erreichen sie den Erwachsenenstatus und möchten damit die Vergangenheit vergessen und verdrängen. Nun gehören sie nicht mehr zu denen, die lernen müssen, sondern zu den fertigen Menschen, die alles wichtige schon wissen. Diese Distanzierung verstärkt natürlich eine lernfeindliche Haltung und ermöglicht ihnen, die schulischen Zwänge, die sie für sich selbst als unzumutbar sehen, bei Kindern für richtig zu halten.

Die Freude am Lernen wiederfinden ?

Es ist relativ einfach, etwas für die Kinder zu tun, damit sie die Freude am Lernen nicht verlieren. Vor allem akzeptieren, dass es ihr Lernen ist. Manchmal können wir es unterstützen, aber fast immer können wir vermeiden, es zu stören. Wir sollten sie nicht (r)unterrichten, doch manchmal können wir sie etwas aufrichten.

Nicht immer einfach ist es dagegen für uns Erwachsene, die Lernfreude wiederzufinden. Es gibt einen Weg, der für jeden anders ist, aber je nach Lebensgeschichte kann er lang und beschwerlich sein. Er fängt damit an, nichts mehr zu geben auf das Erwachsensein und Kontakt aufzunehmen mit dem Kind, das noch in dir steckt. Deinen weiteren Weg wird es dir zeigen.

Jobst Quis

geschrieben für den nächsten  Zeitpunkt

1.Arno Gruen – Der Verrat am Selbst       – dtv ISBN 3-423-08581-9
2.Ekkehard von Braunmühl – Zur Vernunft kommen – Beltz ISBN 3-407-34036-2